Historischer Kontext: NS-Propaganda in Dänemark während des Zweiten Weltkriegs
Der vorliegende Bildband "Et Folk marcherer" (Ein Volk marschiert) von H.C. Bryld, erschienen 1941 im Nordiske Forfatteres Forlag in Kopenhagen, stellt ein bedeutendes Zeugnis der nationalsozialistischen Propagandaaktivitäten in Dänemark während der deutschen Besatzung dar. Das Werk dokumentiert die visuelle Inszenierung der NS-Führung von 1923 bis 1941 und war Teil der umfassenden Bemühungen, die NS-Ideologie in den besetzten skandinavischen Ländern zu verbreiten.
Die deutsche Besatzung Dänemarks
Am 9. April 1940 begann die Operation Weserübung, bei der deutsche Truppen Dänemark und Norwegen besetzten. Dänemark kapitulierte bereits am selben Tag nach minimalem Widerstand. Im Gegensatz zu anderen besetzten Gebieten erhielt Dänemark zunächst einen Sonderstatus: Die dänische Regierung blieb im Amt, und das Land wurde als "Musterprotektorat" behandelt. Diese relativ milde Besatzungspolitik sollte Dänemark als Beispiel für eine "friedliche Zusammenarbeit" zwischen germanischen Völkern dienen und war Teil der NS-Rassenideologie, die Skandinavier als "arisch" einstufte.
Die D.N.S.A.P. und die NS-Kollaboration
Die Danmarks Nationalsocialistiske Arbejderparti (D.N.S.A.P.), gegründet 1930, war die dänische nationalsozialistische Partei. Unter der Führung von Frits Clausen versuchte sie, nach deutschem Vorbild Fuß zu fassen, blieb jedoch während der gesamten Vorkriegszeit eine Randerscheinung mit minimalem Wählerrückhalt. Selbst bei den Wahlen 1939 erhielt die D.N.S.A.P. nur etwa 1,8 Prozent der Stimmen.
Nach der deutschen Besatzung 1940 gewann die Partei an Bedeutung als Kollaborationsorganisation, obwohl sie nie breite Unterstützung in der dänischen Bevölkerung fand. Die D.N.S.A.P. etablierte lokale Organisationen, darunter auch in Flensborg (Flensburg), einer historisch deutsch-dänischen Grenzstadt. Die Widmung in diesem Exemplar von der D.N.S.A.P. Flensborg illustriert die Vernetzung zwischen deutschen NS-Funktionären und dänischen Kollaborateuren.
SS-Standartenführer Karl Herwig
Der Empfänger dieses Geschenks, Karl Herwig, war eine bedeutende Figur in der NS-Hierarchie Schleswig-Holsteins. Als SS-Standartenführer (ein Rang entsprechend einem Oberst) führte er die 53. SS-Standarte, eine der Allgemeinen SS angehörende Formation. Die Allgemeine SS war die ursprüngliche Organisation der Schutzstaffel und unterschied sich von den militärischen Waffen-SS-Verbänden.
Herwig diente gleichzeitig als NSDAP-Bürgermeister in Wesselburen und Heide in Holstein, was die typische Personalunion von Partei-, SS- und Verwaltungsfunktionen im NS-Staat demonstriert. Diese Ämterkumulation war charakteristisch für das NS-System, in dem loyale Parteimitglieder sowohl zivile als auch paramilitärische Positionen innehatten.
Propagandapublikationen im besetzten Skandinavien
Der Bildband "Et Folk marcherer" reiht sich ein in eine umfangreiche Propagandakampagne, die auf die skandinavischen Länder ausgerichtet war. Das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unter Joseph Goebbels koordinierte die Produktion und Verbreitung solcher Materialien. Für Skandinavien wurden speziell aufbereitete Publikationen erstellt, die die angebliche kulturelle und rassische Verbundenheit zwischen Deutschland und den nordischen Völkern betonten.
Fotografische Bildbände waren ein bevorzugtes Medium der NS-Propaganda. Sie präsentierten die NS-Führung und ihre Inszenierungen in sorgfältig kuratierten Bildern, die Stärke, Ordnung und historische Größe suggerierten. Die Zeitspanne 1923 bis 1941 umfasst die gesamte Entwicklung der NSDAP vom gescheiterten Hitler-Putsch bis zu den frühen Kriegserfolgen.
Die Rolle von Geschenkexemplaren
Dedizierte Geschenkexemplare wie dieses spielten eine wichtige Rolle im NS-Patronagesystem. Sie dienten der Pflege von Beziehungen zwischen verschiedenen NS-Organisationen und demonstrierten gegenseitige Anerkennung. Die Übergabe von der D.N.S.A.P. an einen deutschen SS-Führer symbolisiert die angestrebte Solidarität zwischen deutschen und dänischen Nationalsozialisten.
Historische Bedeutung
Objekte wie dieser Bildband sind heute wichtige Quellen für die Erforschung der NS-Propaganda, der Kollaboration in besetzten Gebieten und der Vernetzung zwischen NS-Organisationen. Sie dokumentieren die Mechanismen, mit denen das NS-Regime versuchte, seine Ideologie über Deutschlands Grenzen hinaus zu verbreiten und lokale Unterstützer zu gewinnen. Gleichzeitig zeigen sie die begrenzte Wirkung dieser Bemühungen: Trotz intensiver Propaganda blieb die Unterstützung für die D.N.S.A.P. in Dänemark marginal, und der dänische Widerstand wuchs kontinuierlich bis zur Befreiung 1945.