Reichsnährstand "Reichsprüfung 1938 für Milch u. Milcherzeugnisse"
Die hier beschriebene Auszeichnung stammt aus einem bemerkenswerten Kapitel der deutschen Landwirtschaftsgeschichte während der NS-Zeit. Der Reichsnährstand war eine 1933 gegründete Organisation, die alle Bereiche der deutschen Landwirtschaft und Ernährungswirtschaft unter einheitlicher Führung zusammenfasste. Diese Medaille wurde anlässlich der Reichsprüfung 1938 für Milch und Milcherzeugnisse als Auszeichnung für hervorragende Qualität im Bereich Hartkäse verliehen.
Der Reichsnährstand wurde am 13. September 1933 durch das Reichsnährstandsgesetz etabliert und unterstand der Leitung von Richard Walther Darré, der gleichzeitig Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft war. Diese Organisation hatte das Ziel, die landwirtschaftliche Produktion zu kontrollieren, die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen und die nationalsozialistische Ideologie von “Blut und Boden” in der Landwirtschaft zu verankern. Der Reichsnährstand organisierte alle Erzeuger, Verarbeiter und Händler landwirtschaftlicher Produkte in einer Zwangsorganisation.
Die Reichsprüfungen waren systematische Qualitätswettbewerbe, die der Reichsnährstand regelmäßig durchführte, um die Qualität landwirtschaftlicher Erzeugnisse zu fördern und zu standardisieren. Die Reichsprüfung 1938 für Milch und Milcherzeugnisse war eine solche Veranstaltung, bei der Molkereien und Käsereien aus dem gesamten Deutschen Reich ihre Produkte zur Bewertung einreichten. Diese Wettbewerbe dienten mehreren Zwecken: Sie sollten die Qualität steigern, Best Practices verbreiten und gleichzeitig propagandistisch die Leistungsfähigkeit der deutschen Landwirtschaft unter nationalsozialistischer Führung demonstrieren.
Die Medaille selbst ist aus Feinzink gefertigt und hat einen Durchmesser von 60 mm, was sie zu einer stattlichen Auszeichnung macht. Silberne Medaillen wurden für besondere Leistungen in verschiedenen Kategorien verliehen, wobei diese spezifisch für Hartkäse ausgezeichnet wurde. Hartkäse wie Emmentaler, Bergkäse oder ähnliche Sorten waren traditionelle deutsche Produkte, deren Herstellung besondere Fachkenntnisse und Sorgfalt erforderte. Die Verwendung von Zink als Material war in dieser Zeit üblich, da es kostengünstig war und dennoch eine ansprechende Optik bot, wenn es versilbert wurde.
Das schwarze Verleihungsetui mit silbernem Aufdruck und der edlen Innenausstattung mit Seidenfutter und Samteinlage unterstreicht den offiziellen Charakter dieser Auszeichnung. Solche Präsentationsetuis waren typisch für staatliche und halbstaatliche Auszeichnungen der NS-Zeit und sollten die Bedeutung der Ehrung unterstreichen. Die sorgfältige Aufbewahrung und Präsentation war Teil des Systems von Anerkennung und Leistungsanreizen, das der Reichsnährstand etablierte.
Im Kontext der Autarkiepolitik des Dritten Reiches spielten solche Qualitätswettbewerbe eine wichtige Rolle. Der Vierjahresplan, der 1936 verkündet wurde, hatte zum Ziel, Deutschland wirtschaftlich unabhängig zu machen, insbesondere in der Nahrungsmittelproduktion. Die Förderung hochwertiger einheimischer Milchprodukte war Teil dieser Strategie. Die Reichsprüfungen sollten die Produzenten motivieren, ihre Qualität zu steigern und damit die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte zu erhöhen.
Die Organisation solcher Prüfungen war aufwendig. Fachkommissionen aus Experten begutachteten die eingereichten Produkte nach strengen Kriterien wie Geschmack, Konsistenz, Aussehen und Reifung. Für Hartkäse waren besonders die Textur, die Lochbildung bei bestimmten Sorten, der Geschmack und die fachgerechte Reifung entscheidend. Die Gewinner solcher Auszeichnungen konnten diese für Werbezwecke nutzen und erhielten damit einen erheblichen Wettbewerbsvorteil.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Reichsnährstand von den Alliierten aufgelöst. In den westlichen Besatzungszonen entstanden neue demokratische Strukturen für die Landwirtschaft, während in der sowjetischen Zone andere Organisationsformen implementiert wurden. Die Tradition der Qualitätsprüfungen für landwirtschaftliche Produkte wurde jedoch in veränderter Form fortgesetzt, etwa durch die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), die heute noch Qualitätsprüfungen durchführt.
Aus historischer Perspektive sind solche Auszeichnungen wichtige Zeugnisse der Alltagsgeschichte des Nationalsozialismus. Sie zeigen, wie das Regime versuchte, alle Bereiche des Lebens zu durchdringen und zu kontrollieren, selbst scheinbar unpolitische Bereiche wie die Käseherstellung. Gleichzeitig dokumentieren sie die fachliche Tradition und das handwerkliche Können deutscher Lebensmittelproduzenten dieser Zeit.