Buch: "Die Italienische Armee", in Ihrer gegenwärtigen Uniformierung
Das vorliegende Leporello über die italienische Armee aus dem Verlag von Moritz Ruhl in Leipzig stellt ein faszinierendes Zeugnis der militärhistorischen Dokumentation und des populärwissenschaftlichen Interesses an europäischen Streitkräften im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert dar. Diese Publikationsform, die sich durch ihre charakteristische Ziehharmonika-Faltung auszeichnet, war besonders geeignet für die übersichtliche Darstellung von Uniformtafeln und erfreute sich in dieser Epoche großer Beliebtheit.
Der Verlag Moritz Ruhl etablierte sich in Leipzig als bedeutender Herausgeber militärischer Fachliteratur und Uniformdarstellungen. Leipzig war im 19. Jahrhundert eines der wichtigsten Zentren des deutschen Verlagswesens und die Buchstadt schlechthin. Moritz Ruhl spezialisierte sich auf die Produktion von hochwertigen, farbigen Uniformdarstellungen verschiedener europäischer Armeen, die sowohl bei Militärfachleuten als auch bei interessierten Laien große Nachfrage fanden.
Die italienische Armee durchlief nach der Risorgimento-Bewegung und der Einigung Italiens zwischen 1859 und 1871 eine umfassende Reorganisation und Modernisierung. Das neu gegründete Königreich Italien musste aus den verschiedenen Kontingenten der ehemals unabhängigen italienischen Staaten – darunter das Königreich Sardinien-Piemont, das Königreich beider Sizilien, die Toskana und andere – eine einheitliche Streitkraft formen. Diese Entwicklung machte Uniformdarstellungen zu einem wichtigen Dokumentationsinstrument.
Die Uniformierung der italienischen Armee orientierte sich stark an französischen Vorbildern, was historisch durch die engen Beziehungen zwischen dem Haus Savoyen und Frankreich bedingt war. Die charakteristischen Farben der italienischen Uniformen – das berühmte Graublaue (grigio-verde) wurde allerdings erst 1909 eingeführt – variierten je nach Waffengattung und Regiment. Vor dieser Reform dominierten dunkelblau und verschiedene Ergänzungsfarben wie rot, grün und gelb das Erscheinungsbild der italienischen Streitkräfte.
Das Format mit 16 Tafeln ermöglichte eine umfassende Darstellung der wichtigsten Truppengattungen der italienischen Armee: Infanterie, Kavallerie, Artillerie, Pioniere, Alpini (die berühmten Gebirgstruppen mit ihren charakteristischen Federhüten), Bersaglieri (die Scharfschützen mit ihren markanten Federbusch-Verzierungen) sowie Stabsoffiziere und Generale. Jede dieser Waffengattungen besaß ihre eigenen Uniformmerkmale, Abzeichen und Rangkennzeichen, die in solchen Publikationen detailliert wiedergegeben wurden.
Die Leporello-Form dieser Publikation ist besonders bemerkenswert. Benannt nach der Figur des Dieners in Mozarts “Don Giovanni”, der eine gefaltete Liste führt, bezeichnet dieser Begriff eine fächerartig gefaltete Buchform. Diese Konstruktion erlaubte es, alle Tafeln gleichzeitig auszubreiten und zu vergleichen, was für militärische Zwecke und das Studium von Uniformen von großem praktischem Nutzen war.
Solche Uniformdarstellungen dienten mehreren Zwecken: Sie waren einerseits Nachschlagewerke für Militärangehörige, Schneider und Ausrüster, die nach korrekten Vorlagen für die Herstellung von Uniformen suchten. Andererseits befriedigten sie das wachsende öffentliche Interesse an militärischen Themen in einer Zeit zunehmender nationaler Rivalitäten und militärischer Aufrüstung vor dem Ersten Weltkrieg.
Die Farbdarstellungen in diesen Publikationen wurden meist durch Chromolithographie hergestellt, ein aufwendiges und kostspieliges Druckverfahren, das mehrere Druckgänge mit verschiedenen Farbsteinen erforderte. Die Qualität dieser Reproduktionen war für die damalige Zeit bemerkenswert und ermöglichte eine detailgetreue Wiedergabe von Uniformfarben, Abzeichen und Verzierungen.
Das Interesse deutscher Verlage an der Dokumentation ausländischer Armeen reflektiert die intensive militärische Beobachtung in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Italien, als Mitglied des Dreibundes mit Deutschland und Österreich-Ungarn ab 1882, war ein wichtiger Bündnispartner, dessen militärische Organisation in Deutschland mit Aufmerksamkeit verfolgt wurde – auch wenn Italien 1915 die Seiten wechseln und gegen die Mittelmächte in den Krieg eintreten sollte.
Heute sind solche Leporellos und Uniformtafeln wertvolle Quellen für die militärhistorische Forschung und bei Sammlern sehr begehrt. Sie dokumentieren nicht nur die Uniformierung einer bestimmten Epoche, sondern geben auch Einblick in die zeitgenössische Wahrnehmung und Darstellung von Militär in der Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg.