2 Freytag-Berndt's Handkarten - West-Russland und Ost-Russland,
Freytag-Berndt Handkarten von West- und Ost-Russland: Kartographische Instrumente der Wehrmacht
Die Freytag & Berndt Handkarten von West-Russland und Ost-Russland im Maßstab 1:2.000.000 repräsentieren ein bedeutendes Kapitel deutscher militärischer Kartographie während des Zweiten Weltkriegs. Diese farbigen Klappkarten waren unverzichtbare Hilfsmittel für die Planung und Durchführung des Unternehmens Barbarossa und der nachfolgenden Operationen an der Ostfront zwischen 1941 und 1945.
Der Wiener Verlag Freytag-Berndt und Artaria, gegründet 1770, hatte sich bereits seit dem 19. Jahrhundert als führender kartographischer Verlag im deutschsprachigen Raum etabliert. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1938 in Österreich wurde das Unternehmen zunehmend in die militärische Kriegsvorbereitung eingebunden. Die Produktion von Karten der Sowjetunion intensivierte sich ab 1940, als konkrete Planungen für den Angriff auf die UdSSR begannen.
Der Maßstab 1:2.000.000 war für Übersichtskarten optimal gewählt: Ein Zentimeter auf der Karte entsprach 20 Kilometern in der Realität. Diese Darstellung ermöglichte es Offizieren auf Divisions- und Korpsebene, große Operationsräume zu überblicken, strategische Bewegungen zu planen und die gewaltigen Entfernungen des sowjetischen Territoriums zu erfassen. Die Karten zeigten Verkehrswege, Städte, Flüsse, Geländeformationen und weitere militärisch relevante Informationen.
Die Aufteilung in West-Russland und Ost-Russland spiegelte die operative Notwendigkeit wider, das riesige sowjetische Territorium kartographisch zu erfassen. West-Russland umfasste typischerweise das Gebiet westlich einer Linie etwa Leningrad-Moskau-Stalingrad, während Ost-Russland die Gebiete bis zum Ural und darüber hinaus darstellte. Diese Einteilung entsprach auch den militärischen Planungen der Wehrmacht, die zunächst auf die Eroberung des europäischen Teils der Sowjetunion abzielten.
Das Format als Klappkarte war praktisch für den militärischen Einsatz konzipiert. Zusammengefaltet passten die Karten in Kartentaschen und konnten im Gefechtsstand oder im Fahrzeug schnell konsultiert werden. Die farbige Ausführung ermöglichte eine schnellere Orientierung als schwarz-weiße Drucke, wobei unterschiedliche Farben für Höhenlagen, Gewässer, Vegetation und Siedlungen verwendet wurden.
Die Produktion solcher Karten basierte auf verschiedenen Quellen: vorhandenes sowjetisches Kartenmaterial, Luftaufklärung, nachrichtendienstliche Erkenntnisse und ältere deutsche und österreichische Karten aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Das Reichsamt für Landesaufnahme und das Kriegskarten- und Vermessungswesen der Wehrmacht koordinierten die Beschaffung und Aufbereitung kartographischen Materials.
An der Ostfront wurden Millionen solcher Karten verteilt. Jeder Truppenführer benötigte aktuelle Kartenwerke, und der ständige Verschleiß durch Witterung, Kampfhandlungen und Verluste machte kontinuierliche Nachproduktion erforderlich. Die hier beschriebenen Exemplare mit Einrissen und Ausrissen zeugen vom intensiven praktischen Gebrauch unter Feldbedingungen. Solche Gebrauchsspuren sind typisch für authentische Frontkarten und unterscheiden sie von Archivexemplaren.
Das fehlende Erscheinungsjahr erschwert die präzise Datierung, war aber bei militärischen Karten nicht ungewöhnlich. Oft wurden Ausgaben fortlaufend aktualisiert und nachgedruckt, ohne dass jede Edition ein neues Datum erhielt. Basierend auf der Bezeichnung und dem Stil lassen sich solche Freytag-Berndt-Karten typischerweise auf den Zeitraum 1941-1945 eingrenzen.
Nach Kriegsende wurden viele dieser Karten von alliierten Truppen beschlagnahmt, vernichtet oder als Beutematerial mitgenommen. Überlebende Exemplare befinden sich heute in Militärarchiven, Museen und Privatsammlungen. Sie dienen als wichtige Quellen für die militärhistorische Forschung zur Ostfront und zur Geschichte der Kartographie.
Der historische Wert solcher Karten liegt nicht nur in ihrer militärischen Funktion, sondern auch in ihrem Zeugniswert für die deutsche Kriegsführung, die logistischen Herausforderungen der Ostfront und die kartographische Entwicklung dieser Zeit. Sie dokumentieren, wie die Wehrmacht die Geographie der Sowjetunion wahrnahm und für ihre Operationen nutzte.
Heute sind diese Karten bedeutende militärhistorische Artefakte, die Einblick in die Planung und Durchführung eines der verheerendsten Feldzüge der Weltgeschichte geben.