15 Spezial-Landkarten des Königreich Preussen,

Abteilung der Königl. Preuss. Landes-Aufnahme, (Berlin), ca. 1878. Maß ca. 34x30 cm, Maßstab: 1:100000, altersbedingt fleckig.
Dabei: Nr. 112 Itzehoe, 113 Bad Segeberg, 114 Lübeck, 145 Stade, 147 Ratzeburg, 177 Buxtehude, 179 Lauenburg a.d.Elbe, 209 Amelinghausen, 210, Lüneburg, Harburg, Marburg, Hademarschen, 1 größere Karte mit Maßstab 25000 Truppen-Übungsplatz Lockstedt und Umgebung, 1 größere Karte der Sektion Baden des Schwarzwaldvereins Blatt Achern-Oberkirch im Maßstab 35000. Beiliegend noch eine Eisenbahn - und Reisekarte von Prof. Liebenow (Geheimer Regierungs-Rath) 1:2000000. Teilweise mit Eigentumsstempel. Zustand 2-3
472912
95,00

15 Spezial-Landkarten des Königreich Preussen,

Die vorliegende Sammlung von fünfzehn Spezialkarten des Königreichs Preußen aus der Zeit um 1878 repräsentiert ein bedeutendes Zeugnis der preußischen Kartographie und Militärgeschichte im späten 19. Jahrhundert. Diese Karten wurden von der Abteilung der Königlich Preußischen Landes-Aufnahme in Berlin erstellt, einer Institution, die eine zentrale Rolle in der systematischen Vermessung und kartographischen Erfassung des preußischen Staatsgebietes spielte.

Die Preußische Landesaufnahme hatte ihre Wurzeln in den militärischen Notwendigkeiten des 18. Jahrhunderts. Nach den Erfahrungen der Schlesischen Kriege erkannte Friedrich der Große die strategische Bedeutung genauer Karten für militärische Operationen. Die systematische trigonometrische Vermessung Preußens begann im frühen 19. Jahrhundert und wurde nach den Napoleonischen Kriegen intensiviert. Die hier vorliegenden Karten im Maßstab 1:100.000 gehören zur sogenannten “Großen Generalstabskarte” oder “Karte des Deutschen Reiches”, die ab den 1870er Jahren systematisch erstellt wurde.

Die geographische Verteilung der Kartenblätter ist von besonderem Interesse: Sie konzentrieren sich auf Schleswig-Holstein und das nördliche Niedersachsen, Gebiete, die nach dem Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 und dem Deutschen Krieg von 1866 unter preußische Kontrolle gekommen waren. Orte wie Itzehoe, Segeberg, Lübeck, Ratzeburg und Lauenburg bildeten strategisch wichtige Punkte in dieser neu erworbenen Region. Die Einbeziehung von Stade, Buxtehude und Harburg zeigt die militärische Bedeutung der Elbe als Verkehrs- und Verteidigungslinie.

Der Maßstab 1:100.000 war für militärische Zwecke besonders geeignet. Er bot ausreichend Detail für die Planung von Truppenbewegungen, die Identifizierung von Geländemerkmalen und die strategische Analyse, während er gleichzeitig übersichtlich genug blieb für operative Planungen auf Korps- und Divisionsebene. Die preußischen Generalstabskarten dieser Periode waren technisch hochentwickelt und verwendeten präzise geodätische Vermessungen, die auf einem landesweiten Triangulationsnetz basierten.

Von besonderer militärhistorischer Bedeutung ist die beigefügte größere Karte des Truppenübungsplatzes Lockstedt im Maßstab 1:25.000. Der Truppenübungsplatz Lockstedt in Schleswig-Holstein wurde in den 1870er Jahren eingerichtet und diente der Ausbildung und dem Training preußischer Truppen. Nach der Reichsgründung 1871 und den Erfahrungen des Deutsch-Französischen Krieges erkannte die preußisch-deutsche Militärführung die Notwendigkeit systematischer Truppenausbildung in realitätsnahem Gelände. Solche detaillierten Übungsplatzkarten waren für die Planung von Manövern, die Koordination von Einheiten und die Geländeausbildung unerlässlich.

Die Eigentumsstempel auf einigen Karten deuten darauf hin, dass diese Teil einer militärischen oder behördlichen Kartensammlung waren. Im preußischen Militärwesen waren Karten streng kontrollierte Dokumente. Sie wurden inventarisiert, ihre Ausgabe wurde registriert, und veraltete Ausgaben mussten zurückgegeben werden. Die Kennzeichnung mit Stempeln war Standard bei allen militärischen Kartenmaterialien.

Die Beifügung der Schwarzwaldvereins-Karte der Sektion Baden (Blatt Achern-Oberkirch) im Maßstab 1:35.000 mag zunächst überraschend erscheinen, erklärt sich aber durch das militärische Interesse an detailliertem Kartenmaterial aller deutschen Regionen. Der Schwarzwald als Mittelgebirge war von strategischer Bedeutung, und zivile Wanderkarten des Schwarzwaldvereins, der 1864 gegründet wurde, boten oft wertvolle topographische Details.

Die Eisenbahn- und Reisekarte von Professor Liebenow im Maßstab 1:2.000.000 ergänzt die Sammlung um eine Übersichtskarte. Professor Liebenow, als Geheimer Regierungsrat ein hoher preußischer Beamter, repräsentiert die enge Verbindung zwischen Wissenschaft, Kartographie und Staatsverwaltung im Kaiserreich. Eisenbahnkarten waren von immenser militärischer Bedeutung, da die schnelle Mobilisierung und der Transport von Truppen per Eisenbahn ein Eckpfeiler der preußisch-deutschen Militärstrategie nach 1871 war. Der Schlieffen-Plan und andere operative Planungen basierten fundamental auf den Möglichkeiten des Eisenbahntransports.

Der angegebene Zustand 2-3 mit altersbedingten Flecken ist für Karten dieses Alters typisch. Papierkarten aus der Zeit vor der Einführung säurefreien Papiers sind anfällig für Vergilbung, Stockflecken und andere Alterungserscheinungen. Militärkarten wurden intensiv genutzt, oft im Feld unter widrigen Bedingungen, was ihre Erhaltung zusätzlich erschwerte.

Diese Kartensammlung bietet einen faszinierenden Einblick in die preußische Militärkartographie der Bismarck-Ära und dokumentiert die systematische Erfassung und militärische Durchdringung des norddeutschen Raumes nach der preußischen Expansion der 1860er Jahre.