Die SS-Porzellanmanufaktur Allach und ihre Expansion nach Böhmen stellen ein bedeutendes, wenn auch problematisches Kapitel der deutschen Wirtschaftsgeschichte während des Nationalsozialismus dar. Das hier beschriebene Objekt – eine Tasse mit Untertasse aus dem sogenannten “Siedler Service” – verkörpert die wirtschaftlichen Ambitionen der SS im Bereich der Gebrauchskeramik während der Zeit des Zweiten Weltkriegs.
Die Porzellan-Manufaktur Allach wurde ursprünglich 1935 als private Firma gegründet und bereits 1936 von der SS übernommen. Unter der Leitung von Heinrich Himmler und als Teil der SS-Wirtschaftsunternehmen entwickelte sich die Manufaktur zunächst zu einem Produzenten von repräsentativen Porzellanobjekten, Kunstfiguren und Geschenkartikeln, die oft ideologisch aufgeladen waren und der nationalsozialistischen Ästhetik entsprachen.
Um 1940 erfolgte ein strategischer Wendepunkt in der Geschäftspolitik der Porzellan-Manufaktur Allach. Die SS-Führung entschied, in den lukrativen Markt für Gebrauchsgeschirr einzusteigen. Zu diesem Zweck übernahm die PMA die in Neurohlau (Nová Role) in Böhmen gelegene Manufaktur Bohemia, die bereits auf die Herstellung von Gebrauchsgeschirr spezialisiert war. Diese Übernahme erfolgte im Kontext der deutschen Besetzung der Tschechoslowakei und der Eingliederung des Sudetenlandes sowie des Protektorats Böhmen und Mähren ins Deutsche Reich.
Die Region um Karlsbad (Karlovy Vary) und Neurohlau war seit Jahrhunderten ein Zentrum der böhmischen Porzellanindustrie. Die dort ansässigen Manufakturen verfügten über hochqualifizierte Fachkräfte, etablierte Produktionsanlagen und Zugang zu den notwendigen Rohstoffen. Durch die Übernahme der Bohemia-Werke konnte die SS-Porzellanmanufaktur ihre Produktionskapazitäten erheblich erweitern und gleichzeitig von der bestehenden Expertise profitieren.
Die Allianzmarke, die sich am Boden der Tasse befindet, ist ein charakteristisches Merkmal dieser Produktionsphase. Sie zeigt die sogenannten Allach-Runen (zwei stilisierte Sig-Runen) innerhalb des Buchstabens “B” für Böhmen. Diese Markierung dokumentiert die Zusammenarbeit zwischen dem Hauptwerk in Allach bei München und dem böhmischen Zweigwerk. Die Marke wurde blau unterglasiert aufgebracht, eine Technik, die Haltbarkeit und Fälschungssicherheit gewährleistete.
Das “Siedler Service” war Teil der Bemühungen, praktisches Alltagsgeschirr für verschiedene Bevölkerungsgruppen zu produzieren. Der Name deutet auf die Zielgruppe hin: deutsche Siedler, die im Rahmen der nationalsozialistischen Umsiedlungs- und Germanisierungspolitik in den besetzten Ostgebieten angesiedelt werden sollten. Das schlichte, funktionale Design mit dem traditionellen blauen Blumendekor entsprach sowohl ästhetischen Vorstellungen als auch produktionstechnischen Erfordernissen der Kriegszeit.
Das weiß glasierte Porzellan mit dem blauen Blumendekor knüpfte an traditionelle Muster der deutschen und böhmischen Porzellankunst an. Blaumalerei auf weißem Grund hatte eine lange Tradition in der europäischen Keramik und wurde bewusst als Ausdruck von Beständigkeit und handwerklicher Qualität eingesetzt. Die Dekoration war bewusst zurückhaltend gehalten, um eine kostengünstige Massenproduktion zu ermöglichen.
Die Produktion in den Bohemia-Werken wurde unter Kriegsbedingungen durchgeführt. Die Arbeitskräfte umfassten sowohl deutsche Facharbeiter als auch zunehmend Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten. Die SS-Wirtschaftsunternehmen, zu denen die Porzellan-Manufaktur Allach gehörte, waren integraler Bestandteil des ausbeuterischen Wirtschaftssystems des NS-Regimes.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 wurde die Produktion in Neurohlau eingestellt. Die deutschen Bewohner des Sudetenlandes wurden vertrieben, die Werke wurden verstaatlicht. Die Porzellan-Manufaktur Allach in Bayern wurde von den Alliierten beschlagnahmt. Objekte aus der Produktion dieser Zeit sind heute Zeugnisse eines dunklen Kapitels deutscher Geschichte.
Aus sammlerhistorischer Perspektive sind solche Objekte ambivalent zu betrachten. Sie dokumentieren einerseits handwerkliche Traditionen und Produktionstechniken, andererseits stehen sie für die Verstrickung von Wirtschaft, Handwerk und Verbrechen im Nationalsozialismus. Museen und Sammler behandeln solche Objekte heute als historische Quellen, die zur Aufklärung über diese Periode beitragen können, ohne die ideologische Belastung zu verschleiern.