WHW - Reichsstrassensammlung 5.-6. November 1938 Trachten der Ostmark
WHW-Reichsstraßensammlung 5.-6. November 1938 – Trachten der Ostmark
Die vorliegenden Abzeichen repräsentieren ein bemerkenswertes Zeugnis der nationalsozialistischen Wohlfahrtspropaganda und stehen im direkten Zusammenhang mit dem Winterhilfswerk des Deutschen Volkes (WHW). Diese spezielle Serie wurde zur Reichsstraßensammlung am 5. und 6. November 1938 herausgegeben und zeigt traditionelle Trachten aus der sogenannten “Ostmark”, der nationalsozialistischen Bezeichnung für das annektierte Österreich nach dem Anschluss im März 1938.
Das Winterhilfswerk wurde im September 1933 unter der Schirmherrschaft von Joseph Goebbels gegründet und diente offiziell der Unterstützung bedürftiger Deutscher während der Wintermonate. In Wirklichkeit war es ein geschickt konzipiertes Propagandainstrument, das die nationalsozialistische Ideologie der Volksgemeinschaft vermitteln und gleichzeitig erhebliche finanzielle Mittel für das Regime mobilisieren sollte. Die Teilnahme war theoretisch freiwillig, jedoch herrschte in der Praxis enormer sozialer Druck, sich zu beteiligen.
Die Reichsstraßensammlungen waren ein zentraler Bestandteil der WHW-Aktivitäten. An bestimmten Wochenenden durchkämmten Sammler mit Büchsen die Straßen und drängten Passanten zu Spenden. Als Gegenleistung erhielten die Spender kleine Abzeichen, die als sichtbarer Beweis ihrer Unterstützung getragen werden sollten. Diese Abzeichen wurden aus verschiedenen Materialien gefertigt – Blech, Holz, Glas, Porzellan und, wie im vorliegenden Fall, als Textilabzeichen (Webabzeichen) in Metallrahmen.
Die Wahl des Themas “Trachten der Ostmark” für die Sammlung im November 1938 war keineswegs zufällig. Nur acht Monate nach dem Anschluss Österreichs nutzte das Regime diese Gelegenheit, um die Integration des neuen Reichsteils propagandistisch zu untermauern. Die Darstellung regionaler Trachten aus den verschiedenen österreichischen Gebieten sollte die kulturelle Vielfalt innerhalb der vermeintlichen deutschen Volksgemeinschaft demonstrieren und gleichzeitig die Legitimität der Annexion unterstreichen.
Die Webabzeichen dieser Serie zeigen typischerweise Trachten aus verschiedenen Regionen der ehemaligen Republik Österreich: Tirol, Salzburg, Steiermark, Kärnten, Oberösterreich und andere Gebiete. Jedes Abzeichen präsentierte ein Trachtenpaar oder eine einzelne Figur in authentischer regionaler Kleidung. Die künstlerische Gestaltung folgte dem für WHW-Abzeichen charakteristischen Stil – folkloristisch, idealisiert und auf die Vermittlung von Heimatverbundenheit ausgerichtet.
Die technische Ausführung als Webabzeichen in Metallrahmen war für WHW-Kollektionen durchaus üblich. Der Metallrahmen, meist aus vernickeltem oder lackiertem Blech, schützte das textile Material und ermöglichte das Tragen als Anstecknadel. Die Webarbeiten selbst wurden oft in Werkstätten für Behinderte oder in sozialen Einrichtungen hergestellt, was dem Propagandanarrativ der sozialen Fürsorge zusätzliche Glaubwürdigkeit verleihen sollte.
Das Jahr 1938 markierte einen Höhepunkt der NS-Expansionspolitik. Neben dem Anschluss Österreichs im März erfolgte im Oktober die Annexion des Sudetenlandes. Die November-Sammlung fiel auch in die Zeit unmittelbar nach den Novemberpogromen (9./10. November 1938), was die zynische Dualität des Regimes verdeutlicht: Während auf der einen Seite Wohltätigkeit und Volksgemeinschaft inszeniert wurden, fand gleichzeitig systematische Verfolgung und Gewalt statt.
Die Sammlertätigkeit für WHW-Abzeichen begann bereits in der NS-Zeit selbst, setzte sich jedoch verstärkt nach 1945 fort. Heute werden diese Objekte aus verschiedenen Perspektiven betrachtet: als Dokumente der Propaganda- und Sozialgeschichte, als Beispiele des Kunsthandwerks und als Sammlerstücke. Konvolute wie das beschriebene, die eine komplette oder nahezu komplette Serie einer bestimmten Sammlung umfassen, sind besonders aussagekräftig, da sie die systematische Konzeption dieser Propagandakampagnen dokumentieren.
Der angegebene Zustand 2 deutet nach gängiger Sammlernomenklatur auf einen sehr guten bis guten Erhaltungszustand hin, was bei textilen Materialien, die nun über 85 Jahre alt sind, bemerkenswert ist. Dies spricht dafür, dass die Abzeichen entweder kaum getragen oder sorgfältig aufbewahrt wurden.
Aus heutiger wissenschaftlicher Perspektive sind solche Objekte wichtige Quellen für die Erforschung der NS-Propagandamaschinerie, der Mobilisierung der Bevölkerung und der Instrumentalisierung von Tradition und regionaler Identität für politische Zwecke. Sie erinnern daran, wie totalitäre Regime selbst scheinbar harmlose kulturelle Elemente für ihre Zwecke vereinnahmen konnten.