Das vorliegende Dokument aus dem Jahr 1943 repräsentiert einen der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der internationalen Polizeizusammenarbeit. Es handelt sich um ein Antrittsschreiben von SS-Gruppenführer Dr. Ernst Kaltenbrunner als Präsident der Internationalen Kriminalpolizeilichen Kommission (IKPK), der Vorläuferorganisation von Interpol.
Die Internationale Kriminalpolizeiliche Kommission wurde 1923 in Wien gegründet, um die grenzüberschreitende Verbrechensbekämpfung zu koordinieren. Nach dem Anschluss Österreichs im Jahr 1938 geriet die Organisation unter die Kontrolle des nationalsozialistischen Deutschlands. Das Hauptquartier wurde nach Berlin verlegt, und die IKPK wurde faktisch zu einem Instrument der NS-Herrschaft umfunktioniert.
Ernst Kaltenbrunner (1903-1946) übernahm die Führung der IKPK als Nachfolger von Reinhard Heydrich, der bei einem Attentat in Prag im Juni 1942 tödlich verwundet worden war. Kaltenbrunner war bereits im Januar 1943 zum Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) ernannt worden, einer der mächtigsten und gefürchtetsten Institutionen des NS-Regimes. Das RSHA vereinte die Sicherheitspolizei, den Sicherheitsdienst und die Gestapo unter einem Dach.
Das Schreiben vom 29. Mai 1943, aufgesetzt in Berlin-Wannsee, markiert Kaltenbrunners formelle Amtsübernahme als IKPK-Präsident. Die Wahl des Ortes ist symbolträchtig: In der Villa am Wannsee hatte im Januar 1942 die berüchtigte Wannseekonferenz stattgefunden, bei der hochrangige NS-Funktionäre die organisatorischen Details der “Endlösung der Judenfrage” koordinierten.
Das Dokument wurde an alle Mitglieder der IKPK versandt, darunter auch an besetzte und verbündete Länder. Der Eingangsstempel vom 22. Juni 1943 beim norwegischen Innenministerium dokumentiert die Verbreitung in die besetzten Gebiete. Norwegen stand seit April 1940 unter deutscher Besatzung und wurde von einer Quisling-Regierung unter Vidkun Quisling verwaltet.
Die beigefügte Ausgabe der Zeitschrift “Internationale Kriminalpolizei” vom 10. Juni 1943 mit Kaltenbrunners Portraitfoto in SS-Uniform unterstreicht die vollständige Militarisierung und Nazifizierung der einst zivilen internationalen Polizeiorganisation. Diese Publikation diente der Propaganda und der Legitimierung der NS-Kontrolle über die internationale Polizeiarbeit.
Unter Kaltenbrunners Führung wurde die IKPK zur Verfolgung politischer Gegner, zur Fahndung nach geflohenen Juden und Widerstandskämpfern sowie zur Koordinierung von Deportationen missbraucht. Die ursprünglichen Ziele der internationalen Verbrechensbekämpfung wurden den verbrecherischen Zielen des NS-Regimes untergeordnet.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Kaltenbrunner vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg angeklagt. Die Anklage umfasste Verschwörung, Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Als ranghöchster überlebender SS-Führer trug er Verantwortung für die Ermordung von Millionen Menschen in Konzentrationslagern, für Massenmorde durch die Einsatzgruppen und für unzählige andere Gräueltaten.
Das Urteil wurde am 30. September und 1. Oktober 1946 verkündet: Kaltenbrunner wurde in allen Anklagepunkten außer der Verschwörung für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Am 16. Oktober 1946 wurde er im Nürnberger Justizgefängnis durch den Strang hingerichtet.
Nach dem Krieg wurde die internationale Polizeizusammenarbeit neu organisiert. 1946 wurde in Brüssel die Internationale Kriminalpolizeiliche Organisation wiedergegründet, die später unter dem Namen Interpol bekannt wurde. Die Organisation distanzierte sich vollständig von ihrer NS-Vergangenheit und etablierte demokratische Strukturen.
Dokumente wie das vorliegende Antrittsschreiben sind wichtige historische Zeugnisse der Perversion internationaler Institutionen durch das NS-Regime. Sie dokumentieren, wie selbst Organisationen mit ursprünglich legitimen Zielen in den Dienst einer verbrecherischen Ideologie gestellt werden können. Solche Artefakte dienen heute der historischen Forschung und der Mahnung, demokratische Institutionen gegen totalitäre Vereinnahmung zu schützen.