Friedrich der Große – Porzellanfigur der SS-Porzellanmanufaktur Allach, Modellnummer 94
Unter den zahlreichen Erzeugnissen der Porzellan-Manufaktur Allach-München GmbH nehmen die Reiterfiguren von Professor Theodor Kärner eine besondere Stellung ein. Die hier betrachtete Figur mit der Modellnummer 94 stellt Friedrich den Großen (Friedrich II. von Preußen, reg. 1740–1786) zu Pferde dar und gehört zu den begehrtesten und hochpreisigsten Objekten, die in der Manufaktur hergestellt wurden. Das Stück zeigt eine meisterhafte polychrome Bemalung in feinster farblich abgestimmter Qualität und erreicht eine Höhe von 28,5 cm.
Die Porzellanmanufaktur Allach – Gründung und Übernahme durch die SS
Die Porzellan-Manufaktur Allach-München GmbH wurde 1935 in Allach bei München von dem Industriellen Franz Nagy und dem Porzellankünstler Karl Diebitsch als privates Unternehmen gegründet. Bereits 1936 wurde die Fabrik von der SS übernommen. Heinrich Himmler, Reichsführer-SS, betrachtete die Manufaktur als Mittel zur Herstellung von Werken, die eine idealisierte „germanische Kultur“ repräsentieren sollten. Die Fabrik wurde zu einem seiner Lieblingsprojekte. Im Jahr 1939 übernahm die SS offiziell die vollständige Kontrolle; Nagy und Kärner wurden formell enteignet, und die Manufaktur wurde dem SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt unterstellt.
Ab 1937 wurde die Produktion zunehmend in Einrichtungen des Konzentrationslagers Dachau verlagert. Ab 1940 wurde Zwangsarbeit von Konzentrationslagerhäftlingen in der Produktion eingesetzt – anfänglich 10 bis 18 Häftlinge, bis Oktober 1943 auf 93 ansteigend. Zwischen 1935 und 1945 produzierte die Manufaktur über 240 verschiedene Porzellan- und Keramikmodelle, darunter dekorative Kunstobjekte sowie Gebrauchsgegenstände wie Kantinengeschirr und Salbendosen.
Die Reiterserien Professor Theodor Kärners
Professor Theodor Kärner entwarf eine Serie von preußischen Kavalleriefiguren, die historische Militäreinheiten aus der Ära Friedrichs des Großen darstellten. Neben der Friedrich-Figur (Modellnummer 94) umfasste diese Serie weitere Modelle: Nr. 17 (Seydlitz-Kürassier), Nr. 29 (Garde-Husaren-Offizier), Nr. 93 (Garde-Husar), Nr. 115 (Zieten-Husar), Nr. 121 (Malachowski-Husar) und Nr. 163 (Gendarm zu Pferde). Darüber hinaus entwarf Kärner Keramikfliesen mit Reitermotiven, darunter auch Friedrich den Großen, die auf Rohfliesen der Meissener Wandplattenwerke Saxonia GmbH produziert wurden. Zwei seiner Husarenfiguren wurden 1942 auf der Großen Deutschen Kunstausstellung in München ausgestellt.
Die Reiterfiguren gehörten zu den seltensten und teuersten Artikeln im Allach-Katalog. Die Modellnummer 94 war als polychrome Version und als weiß glasierte Ausführung erhältlich. Bei den farbigen Versionen ist ein bemerkenswertes produktionshistorisches Detail zu beachten: Frühe Exemplare wiesen eine echte Goldbemalung auf. Während der Kriegszeit wurde Gold verboten und durch Gelb- und Ockertöne ersetzt.
Markierungen und Kennzeichnung
Die Unterseite der Figur trägt die charakteristischen Allach-Marken: ein in einem Oktagon eingeprägtes Zeichen mit SS-Runen und der Bezeichnung „Allach“, die Künstlersignatur „Prof. Th. Kärner“ sowie die Fabrikmodellnummer „94“.
Vertrieb und Verwendung
Die Allach-Produkte wurden nicht über den regulären Einzelhandel vertrieben, sondern über Ausstellungsräume in Berlin, Posen (Poznań), Warschau und Lemberg (Lwiw). Zwei Drittel der Allach-Produktion gingen an SS, Polizei und Wehrmacht, wobei SS-Mitglieder erhebliche Rabatte erhielten. Himmler kontrollierte 45 Prozent der Allach-Produktion und verschenkte Figuren regelmäßig an SS-Funktionäre und Vertraute.
Friedrich der Große als historische Symbolfigur
Friedrich II. von Preußen (1740–1786), bekannt als Friedrich der Große, war ein gefeierter preußischer Feldherr und Symbol der deutschen Militärtradition. Die Darstellung Friedrichs zu Pferde in der Allach-Kavallerie-Serie diente der Verherrlichung preußischer Militärgeschichte und fügte sich in die ideologische Ausrichtung der Manufaktur ein, die darauf abzielte, idealisierte Darstellungen germanischer Kultur, Soldaten und historischer Persönlichkeiten zu schaffen.
Nachkriegsgeschichte und Sammlerbedeutung
Die Produktion bei Allach endete 1945 mit dem Fall des nationalsozialistischen Deutschlands. Die Fabriken wurden geschlossen und nie wieder eröffnet. Die Alliierten beschlagnahmten oder zerstörten Gussformen. Es gibt Hinweise darauf, dass Franz Nagy nach dem Krieg möglicherweise eine begrenzte Produktion wieder aufnahm, da Nachkriegsstücke mit einer Allach-Marke gefunden wurden, die den Buchstaben „N“ für Nagy anstelle der SS-Insignien trägt. Theodor Kärner selbst verwendete einige Allach-Formen weiter, als er bei der Eschenbach-Porzellanfabrik in der amerikanischen Besatzungszone arbeitete. Zwischen 1947 und 1953 wurden dort mehrere seiner Modelle reproduziert.
Heute sind Allach-Porzellanstücke seltene und kontroverse Sammlerstücke. Museen und Sammler behandeln sie als historische Zeugnisse nationalsozialistischer Ideologie und Zwangsarbeit und nicht als verherrlichte Memorabilien. Die Stücke werden für ihre Rolle in der nationalsozialistischen Kulturpropaganda und als Dokumente der Ausbeutung von Konzentrationslagerhäftlingen untersucht. Die Reiterfiguren Kärners, insbesondere die Friedrich-der-Große-Darstellung mit ihrer meisterhaften Bemalung, gehören dabei zu den seltensten und am meisten gesuchten Objekten dieser historisch belasteten Produktion.