Saargebiet - Westmark - Sängerbund Westmark
Die Ehrennadel des Sängerbundes Westmark repräsentiert ein faszinierendes Kapitel der deutschen Kulturgeschichte während der nationalsozialistischen Ära. Diese silberne Auszeichnung wurde vom renommierten Pforzheimer Hersteller E. Schmidtschüssler gefertigt, einem Unternehmen, das für seine qualitativ hochwertigen Abzeichen und Ehrenzeichen bekannt war.
Die Bezeichnung “Westmark” bezieht sich auf die administrative Neuordnung der westlichen Grenzgebiete des Deutschen Reiches während der Zeit des Nationalsozialismus. Am 7. Juni 1940 wurden die Gaue Saar-Pfalz in Gau Westmark umbenannt, wobei dieser Begriff die Gebiete des Saarlandes, der Pfalz und angrenzender Regionen umfasste. Die Umbenennung war Teil der nationalsozialistischen Propaganda, die diese Region als “Westliche Mark” oder Grenzland des Reiches darstellen sollte.
Das Saargebiet hatte eine komplexe Geschichte in der Zwischenkriegszeit. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es gemäß Artikel 45-50 des Versailler Vertrags von 1919 unter die Verwaltung des Völkerbundes gestellt. Die wirtschaftlich bedeutenden Kohlegruben wurden Frankreich als Reparationsleistung übertragen. Am 13. Januar 1935 fand die vom Versailler Vertrag vorgesehene Volksabstimmung statt, bei der sich über 90 Prozent der Bevölkerung für die Rückkehr zum Deutschen Reich aussprachen. Diese Abstimmung wurde international überwacht und am 1. März 1935 erfolgte die Wiedereingliederung.
Der Sängerbund Westmark war Teil der gleichgeschalteten kulturellen Organisationsstruktur im nationalsozialistischen Deutschland. Die traditionellen deutschen Gesangsvereine, die im 19. Jahrhundert als wichtige Träger der bürgerlichen Kultur entstanden waren, wurden nach 1933 in das System der NS-Kulturorganisationen eingegliedert. Der Deutsche Sängerbund, gegründet 1862, musste sich den neuen politischen Gegebenheiten anpassen und wurde Teil der NS-Gemeinschaft “Kraft durch Freude” sowie des Reichsmusikkammer-Systems.
Die Verleihung von Ehrennadeln innerhalb der Gesangsvereine hatte eine lange Tradition, die weit in das 19. Jahrhundert zurückreichte. Sie dienten der Anerkennung besonderer Verdienste um das Chorleben, langjähriger Mitgliedschaft oder herausragender sängerischer Leistungen. In der NS-Zeit erhielten diese Auszeichnungen jedoch eine zusätzliche ideologische Dimension, da kulturelle Aktivitäten in den Dienst der nationalsozialistischen Volksgemeinschaftsideologie gestellt wurden.
Der Hersteller E. Schmidtschüssler aus Pforzheim war einer der bedeutenden Produzenten von Orden, Ehrenzeichen und Abzeichen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Pforzheim hatte sich seit dem 18. Jahrhundert zu einem Zentrum der deutschen Schmuck- und Bijouterieindustrie entwickelt. Die Stadt wurde auch als “Goldstadt” bezeichnet und beherbergte zahlreiche Manufakturen, die auf die Herstellung von Orden, Ehrenzeichen und Vereinsabzeichen spezialisiert waren. Die Firma Schmidtschüssler gehörte zu den etablierten Betrieben, die sowohl staatliche als auch private Aufträge für Auszeichnungen ausführten.
Die technische Ausführung solcher Ehrennadeln erfolgte in mehreren Arbeitsschritten. Das Silber wurde geprägt, ziseliert und oft emailliert. Die charakteristische lange Nadel ermöglichte das Tragen an der Kleidung, typischerweise am Revers oder an der Brust. Die Qualität der Verarbeitung war ein Markenzeichen der Pforzheimer Hersteller, die auf jahrhundertelange handwerkliche Tradition zurückblicken konnten.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 wurden alle NS-Organisationen aufgelöst, einschließlich der gleichgeschalteten Kulturverbände. Das Saarland erlebte erneut eine Sonderstellung: Es wurde zunächst französisch besetzt und erhielt 1947 eine teilautonome Stellung. Erst nach einer Volksabstimmung im Jahr 1955 und dem Inkrafttreten des Saarvertrags am 1. Januar 1957 wurde das Saarland als zehntes Bundesland in die Bundesrepublik Deutschland eingegliedert.
Die deutschen Gesangsvereine wurden nach 1945 demokratisch neu gegründet und knüpften an ihre Traditionen aus der Zeit vor 1933 an. Der Deutsche Chorverband wurde 1862 gegründet und setzt bis heute die Tradition der deutschen Chormusik fort, allerdings ohne die ideologische Vereinnahmung der NS-Zeit.
Solche historischen Ehrennadeln sind heute Sammlerstücke, die als Zeitdokumente betrachtet werden. Sie dokumentieren die Durchdringung aller gesellschaftlichen Bereiche durch das NS-Regime, einschließlich scheinbar unpolitischer kultureller Vereinigungen. Für Historiker und Sammler bieten sie Einblicke in die Alltagskultur und Organisationsstruktur der Zeit zwischen 1933 und 1945.