Elastolin - Heer Schütze im Sprung Gewehr freitragend
Die Elastolin-Figur eines springenden Heer-Schützen mit freitragendem Gewehr repräsentiert ein faszinierendes Kapitel der deutschen Spielzeug- und Militaria-Geschichte. Diese 7,5 cm große Figur wurde von der Firma O. & M. Hausser in Neustadt bei Coburg hergestellt, einem der bedeutendsten Hersteller von Massefiguren im 20. Jahrhundert.
Die Firma Hausser begann in den 1870er Jahren mit der Produktion von Spielwaren und entwickelte um 1910 das revolutionäre Material Elastolin. Diese Masse bestand aus Kasein, Kreide, Glycerin, Leim und anderen Zusätzen, die um einen Drahtkern modelliert wurden. Das Material ermöglichte detailliertere und haltbarere Figuren als die bis dahin üblichen Bleisoldaten. Der Name “Elastolin” wurde 1926 als Markenzeichen eingetragen und sollte die relative Elastizität und Bruchfestigkeit des Materials betonen.
Die Darstellung eines Heer-Schützen im Sprung mit freitragendem Gewehr zeigt die technische Meisterschaft der Hausser-Künstler. Solche dynamischen Posen waren besonders anspruchsvoll in der Herstellung, da sie sowohl künstlerisches Geschick als auch technisches Verständnis für Statik und Balance erforderten. Das freitragende Gewehr – nicht am Körper anliegend – stellte eine besondere Herausforderung dar und zeugt von der hohen Qualität der Elastolin-Produktion.
Die militärischen Figuren der Wehrmacht wurden hauptsächlich in den 1930er und frühen 1940er Jahren produziert. Sie dienten sowohl als Spielzeug für Kinder als auch als Sammelobjekte für Erwachsene. Die Uniformdarstellungen waren erstaunlich detailgetreu und orientierten sich an den tatsächlichen Uniformvorschriften der Wehrmacht. Die Figuren trugen typischerweise die feldgraue Uniform, Stahlhelm und die charakteristische Ausrüstung der deutschen Infanterie.
Der Produktionsprozess war arbeitsintensiv: Zunächst wurde ein Drahtgerüst gebogen, dann die Elastolin-Masse um dieses modelliert. Nach dem Trocknen erfolgte die Bemalung in mehreren Schichten. Jede Figur war praktisch ein Unikat, da sie von Hand gefertigt und bemalt wurde. Die Handbemalung erklärt auch die leichten Variationen zwischen einzelnen Figuren derselben Serie.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Produktion zunehmend eingeschränkt, da Rohstoffe knapp wurden und die Fabrik teilweise auf kriegswichtige Produktion umgestellt werden musste. Nach 1945 setzte Hausser die Produktion zunächst mit denazifizierten Figuren fort, später mit Figuren der Bundeswehr und anderer Themen.
Die Beschädigung des rechten Arms bei der vorliegenden Figur ist typisch für das Alter und die Materialeigenschaften von Elastolin. Trotz der relativen Robustheit war das Material nicht unzerstörbar, und gerade vorstehende Teile wie ausgestreckte Arme oder freitragende Waffen waren besonders bruchanfällig. Solche Beschädigungen mindern zwar den Sammlerwert, dokumentieren aber auch die authentische Nutzungs- und Überlieferungsgeschichte.
Heute sind Elastolin-Figuren begehrte Sammlerobjekte, die sowohl die Geschichte der Spielzeugherstellung als auch die militärhistorische Entwicklung dokumentieren. Sie werden nicht nur wegen ihres materiellen Wertes geschätzt, sondern auch als kulturgeschichtliche Zeugnisse einer Epoche, in der militärisches Spielzeug fester Bestandteil der Kinderzimmer war. Die Firma Hausser produzierte bis in die 1980er Jahre, bevor sie ihre Tätigkeit einstellte. Die Sammlung und Erhaltung dieser Figuren trägt zur Bewahrung eines wichtigen Kapitels der deutschen Industrie- und Kulturgeschichte bei.