"De Dr. Reimond Tollenaere Marsch te Brussel 12 Juli 1942",
Die hier beschriebene Sammlung dokumentiert den Dr. Reimond Tollenaere Marsch, der am 12. Juli 1942 in Brüssel stattfand. Diese umfangreiche Dokumentationsmappe mit 24 x 32 cm Format enthält 20 bebilderte Einzelblätter, zwei Faksimile-Schriften sowie ein großes Doppelblatt und repräsentiert ein bedeutendes historisches Zeugnis der flämischen Kollaboration während der deutschen Besatzung Belgiens im Zweiten Weltkrieg.
Reimond Tollenaere (1909-1942) war eine zentrale Figur der flämisch-nationalistischen Bewegung während des Zweiten Weltkriegs. Als führendes Mitglied des Vlaamsch Nationaal Verbond (VNV) und Träger des “Trouw”-Abzeichens, das auf Treue zur flämischen Sache hinwies, repräsentierte er jenen Teil der flämischen Bewegung, der in der deutschen Besatzung eine Chance für flämische Autonomie sah. Tollenaere fiel am 22. Januar 1942 an der Ostfront bei Kopzy in der Sowjetunion, während er als Freiwilliger in der Waffen-SS diente.
Der im Juli 1942 abgehaltene Gedenkmarsch war eine groß angelegte Propagandaveranstaltung, die mehrere Zwecke erfüllte. Erstens sollte Tollenaere als Märtyrer der flämischen Sache und des Kampfes gegen den Bolschewismus inszeniert werden. Zweitens diente die Veranstaltung der Mobilisierung weiterer flämischer Freiwilliger für den Kriegseinsatz an der Ostfront. Die in der Dokumentation erwähnten 15.000 Dietsche-Soldaten verweisen auf das Ausmaß der Mobilisierung, die das VNV und verwandte Organisationen erreichen konnten.
Das VNV unter Staf De Clercq, dessen Faksimile-Schrift in der Sammlung enthalten ist, war die führende flämisch-nationalistische Partei in Belgien während der Besatzungszeit. De Clercq (1884-1942) starb ironischerweise im selben Jahr wie Tollenaere und wurde ebenfalls zum Märtyrer der Bewegung stilisiert. Joris Van Severen, hier möglicherweise als Van Steenland referenziert, war eine weitere Schlüsselfigur der flämischen und später gesamtniederländischen nationalistischen Bewegung, wurde jedoch bereits 1940 von französischen Soldaten erschossen.
Die Dietsche Militie (Dietsche Miliz), deren Fahne in der Dokumentation abgebildet ist, war eine paramilitärische Formation des VNV. Der Begriff “Diets” bezog sich auf ein großniederländisches Konzept, das Flandern und die Niederlande kulturell und politisch vereinen sollte. Diese Miliz wurde später in größere SS-Strukturen integriert.
Die Anwesenheit ausländischer Gäste bei dieser Veranstaltung unterstreicht die internationale Dimension der Kollaborationsbewegung. Vertreter anderer faschistischer und nationalsozialistischer Bewegungen aus ganz Europa waren regelmäßig bei solchen Veranstaltungen präsent, um die Idee eines europäischen Kreuzzugs gegen den Bolschewismus zu propagieren.
Der Vorbeimarsch an der Börse in Brüssel war symbolisch bedeutsam. Die Börse lag im Herzen der belgischen Hauptstadt und stellte einen zentralen öffentlichen Raum dar, wo die Kollaborationsbewegung ihre Stärke demonstrieren konnte. Solche öffentlichen Aufmärsche waren Teil der nationalsozialistischen Ästhetik der Macht und dienten der Einschüchterung der Gegner sowie der Motivation der Anhänger.
Die Dokumentation enthält auch Bilder vom Grab Tollenaeres, was den Totenkult unterstreicht, der um gefallene Kollaborateure aufgebaut wurde. Dieser Märtyrerkult war ein wichtiges Element der Propaganda, um die Opferbereitschaft zu glorifizieren und weitere Freiwillige zu rekrutieren.
Nach dem Krieg wurde die Beteiligung an solchen Veranstaltungen und Organisationen in Belgien strafrechtlich verfolgt. Viele VNV-Mitglieder und Kollaborateure wurden wegen Landesverrats angeklagt. Die historische Bewertung dieser Bewegung bleibt komplex, da sie flämische kulturelle Aspirationen mit der Kollaboration mit dem NS-Regime verband.
Heute sind solche Dokumentationen wichtige historische Quellen für das Verständnis der Kollaborationsgeschichte in Belgien. Sie dokumentieren nicht nur die politischen und militärischen Aspekte, sondern auch die Propagandamethoden und die visuelle Kultur dieser Zeit. Der Erhaltungszustand “2” deutet auf eine relativ gute Konservierung trotz altersbedingter Gebrauchsspuren hin, was für ein fast 80 Jahre altes Dokument bemerkenswert ist.