Deutsches Reich 1871-1918 Zweispitz und Degen aus dem Nachlass eines hohen Reichsbeamten bzw. Diplomaten

Um 1900. Eleganter Zweispitz mit Nadelfilz und weißem Federschmuck, breiter goldener Tresse mit Eichenlaubdekor, rechts aufgelegter Reichskokarde aus Seide und goldener Agraffe mit vergoldetem Knopf mit Reichswappen. Innen mit beinfarbenem Lederschweißband und weißem Seidenfutter mit dem Hersteller "J. Robrecht Hoflieferant ... Berlin". Größe ca. 57. Im original Lieferkarton mit dem Etikett "Absender J. Robrecht, Hoflieferant, Berlin ... Sr. Hochwohlgeboren Herrn [getilgt] Schloß Wilhelmshöhe ...". Dazu der Degen für Staatsbeamte des Deutschen Reiches mit schmaler beidseitig gekehlter Klinge, diese stark korrodiert, darunter noch Reste der Ätzungen erkennbar, quartseitig auf der Fehlschärfe der Lieferant "J. Robrecht Hoflieferant Berlin". Vergoldetes und fein ziseliertes Messing-Gefäß mit Perlmutt-Griffschalen und Adlerkopf als Knaufverzierung, auf dem Stichblatt die Reichsinsignien. Anhängend Portepee. Schwarze belederte Scheide mit vergoldeten Messing-Beschlägen. Der Degen ist nur leicht getragen, äußerlich sehr gut erhalten. Die Klinge leider stark korrodiert. Daher von uns günstig bewertet. Gesamtlänge 98 cm. Zustand 2.

Ein sehr schönes Ensemble! Im Schloß Wilhelmshöhe hielt sich oft der Kaiser auf. In Kassel hat er auch sein Abitur gemacht.
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2.750,00

Deutsches Reich 1871-1918 Zweispitz und Degen aus dem Nachlass eines hohen Reichsbeamten bzw. Diplomaten

Das vorliegende Ensemble aus Zweispitz und Staatsdegen repräsentiert die höfische und diplomatische Kultur des Deutschen Kaiserreichs (1871-1918) in ihrer verfeinertsten Form. Diese Ausstattungsgegenstände waren nicht nur funktionale Bestandteile der Amtskleidung, sondern symbolisierten den Rang, die Würde und die Autorität hoher Reichsbeamter und Diplomaten im wilhelminischen Deutschland.

Der Zweispitz, auch als Chapeau claque oder Klapphut bekannt, hatte seine Ursprünge in der militärischen Kopfbedeckung des 18. Jahrhunderts. Im 19. Jahrhundert entwickelte er sich zur charakteristischen Kopfbedeckung für zivile Staatsdiener bei zeremoniellen Anlässen. Die Gestaltung mit schwarzem Nadelfilz, weißem Federschmuck und goldener Tresse mit Eichenlaubdekor entsprach den Hofuniformvorschriften des Deutschen Reiches. Die Reichskokarde in den Farben Schwarz-Weiß-Rot signalisierte die Loyalität zum Reich und zum Kaiser.

Der Hersteller J. Robrecht war als Hoflieferant in Berlin tätig, eine Auszeichnung, die nur ausgewählten Handwerkern und Kaufleuten verliehen wurde, die den kaiserlichen Hof und höchste Staatsbeamte belieferten. Die Bezeichnung “Hoflieferant” garantierte höchste Qualität und handwerkliche Perfektion. Robrecht gehörte zu jenen spezialisierten Berliner Firmen, die sich auf die Anfertigung von Uniformen, Kopfbedeckungen und Blankwaffen für die Elite des Reiches konzentrierten.

Der Degen für Staatsbeamte folgte den Vorschriften, die für verschiedene Ränge innerhalb der Reichsverwaltung galten. Das Gesetz betreffend die Uniformierung der Civilstaatsbeamten vom 24. März 1889 und nachfolgende Erlasse regelten minutiös das Aussehen und die Beschaffenheit dieser Repräsentationswaffen. Die schmale, beidseitig gekehlte Klinge mit Ätzungen war charakteristisch für Zivilbeamtendegen der Kaiserzeit. Das vergoldete und ziselierte Messinggefäß mit Perlmuttgriffschalen und dem Adlerkopf als Knaufverzierung sowie die Reichsinsignien auf dem Stichblatt verdeutlichten die Zugehörigkeit zum höheren Reichsdienst.

Das Portepee, die Degenquaste, war ein weiteres wichtiges Rangabzeichen. Ihre Farbe und Ausführung waren streng reglementiert und zeigten den genauen Rang des Trägers an. Das Tragen eines Portepees war höheren Beamten vorbehalten und unterschied sie von untergeordneten Dienstgraden.

Die Lieferadresse Schloss Wilhelmshöhe bei Kassel ist von besonderer historischer Bedeutung. Das Schloss diente seit 1891 als Sommerresidenz von Kaiser Wilhelm II. Der Kaiser hielt sich regelmäßig dort auf und empfing diplomatische Delegationen. Die Verbindung zu Kassel war für Wilhelm II. auch persönlich bedeutsam, da er dort tatsächlich seine Schulausbildung am Friedrichsgymnasium absolvierte (1874-1877), wenn auch nicht sein Abitur im eigentlichen Sinne, sondern das Einjährig-Freiwilligen-Zeugnis.

Die Uniformierung hoher Reichsbeamter und Diplomaten folgte einem ausgeklügelten System hierarchischer Differenzierung. Je nach Rang und Funktion variierten die Stickereien, die Qualität der Materialien und die Details der Ausführung. Geheime Räte, Ministerialbeamte, Botschafter und Gesandte trugen jeweils spezifische Varianten der Hofuniform. Bei offiziellen Empfängen, Hofbällen, kaiserlichen Audienzen und diplomatischen Zeremonien war das Tragen der vorgeschriebenen Uniform obligatorisch.

Die wilhelminische Ära (1888-1918) war geprägt von einem ausgeprägten Repräsentationsbedürfnis. Kaiser Wilhelm II. legte großen Wert auf Prunk, Zeremoniell und die äußere Darstellung kaiserlicher Macht. Die prächtigen Uniformen und Ausstattungsgegenstände dienten der Inszenierung des Reiches und sollten sowohl nach innen als auch nach außen Stärke und Kontinuität demonstrieren.

Die handwerkliche Qualität solcher Objekte war außerordentlich hoch. Spezialisierte Handwerker – Gürtler, Graveure, Ziseleure, Klingenschmiede und Hutmacher – arbeiteten zusammen, um diese Prestigeobjekte herzustellen. Die Perlmutteinlagen, die feine Ziselierung und die Vergoldung erforderten jahrelange Ausbildung und höchstes handwerkliches Können.

Mit dem Ende des Kaiserreichs 1918 verloren diese Uniformstücke ihre offizielle Funktion. Die Weimarer Republik schaffte die alten Hofuniformen ab und führte schlichtere Amtstrachten ein. Viele dieser prächtigen Ensembles wurden in Familienbesitz weitergegeben oder aufgelöst. Heute sind sie wichtige kulturhistorische Zeugnisse einer untergegangenen Epoche und dokumentieren die Repräsentationskultur, die gesellschaftlichen Hierarchien und die handwerkliche Kunstfertigkeit des deutschen Kaiserreichs.

Solche Objekte ermöglichen es uns, die materielle Kultur und das Selbstverständnis der wilhelminischen Elite zu verstehen. Sie zeugen von einer Welt strenger Etikette, in der äußere Zeichen präzise den sozialen Rang und die staatliche Funktion markierten – eine Welt, die mit dem Ersten Weltkrieg unwiderruflich unterging.