Reichsbund der Kinderreichen Deutschlands zum Schutze der Familie ( RDK ) - Abzeichen für Familienwart
Das Abzeichen für Familienwart des Reichsbundes der Kinderreichen Deutschlands zum Schutze der Familie (RDK) stellt ein bedeutendes Zeugnis der deutschen Bevölkerungspolitik und Sozialgeschichte der Weimarer Republik dar. Diese Organisation, die 1920 gegründet wurde, verkörperte die gesellschaftlichen Bestrebungen zur Unterstützung kinderreicher Familien in einer Zeit tiefgreifender sozialer und wirtschaftlicher Umwälzungen.
Der Reichsbund der Kinderreichen entstand aus der Erkenntnis, dass kinderreiche Familien nach dem Ersten Weltkrieg besonderen Schutz und Förderung benötigten. Die Organisation setzte sich für verbesserte soziale Leistungen, Steuererleichterungen und gesellschaftliche Anerkennung kinderreicher Familien ein. Mit Hauptsitz in Berlin entwickelte sich der RDK zu einer der einflussreichsten Familienorganisationen der Weimarer Republik.
Das beschriebene Abzeichen mit einem Durchmesser von 25 mm wurde von Funktionären der Organisation getragen, insbesondere von den sogenannten Familienwarten. Diese ehrenamtlichen Helfer übernahmen wichtige Beratungs- und Betreuungsaufgaben für Mitgliedsfamilien. Sie dienten als Verbindungspersonen zwischen der Organisation und den bedürftigen Familien, vermittelten Hilfsangebote und setzten sich auf lokaler Ebene für die Interessen kinderreicher Familien ein.
Die Herstellermarkierung "B GES.GESCH." (gesetzlich geschützt) weist auf eine offizielle, autorisierte Produktion hin. Während der Weimarer Republik und später existierten zahlreiche Hersteller von Abzeichen und Auszeichnungen, die strenge Qualitätsstandards einhalten mussten. Die Kennzeichnung als gesetzlich geschützt sollte Fälschungen verhindern und die Authentizität des Abzeichens gewährleisten.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 wurde der RDK, wie viele andere Organisationen, gleichgeschaltet. Die ursprünglich überparteiliche und überkonfessionelle Organisation wurde in das NS-System integriert und ihre Zielsetzungen der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik untergeordnet. Die rassenhygienischen Vorstellungen des NS-Regimes überlagerten die ursprünglichen sozialen Ziele der Organisation.
Die Bevölkerungspolitik hatte in der Zwischenkriegszeit hohe Priorität, da die Geburtenraten in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern rückläufig waren. Der Erste Weltkrieg hatte enorme Bevölkerungsverluste verursacht, und die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der 1920er Jahre verschärften die Situation. Kinderreiche Familien lebten häufig in prekären Verhältnissen, da Sozialleistungen unzureichend waren und große Familien gesellschaftlich zunehmend als Belastung wahrgenommen wurden.
Das Abzeichen selbst symbolisierte nicht nur die Zugehörigkeit zur Organisation, sondern auch eine bestimmte gesellschaftliche Haltung. Träger des Abzeichens bekundeten öffentlich ihre Unterstützung für kinderreiche Familien und für eine pronatalistische Politik. In einer Zeit, in der Abzeichen, Uniformen und äußere Symbole große Bedeutung hatten, war solch ein Ehrenzeichen ein wichtiges Identifikationsmerkmal.
Die materielle Ausführung des Abzeichens mit Nadelhalterung ermöglichte das Tragen an der Zivilkleidung. Die kompakte Größe von 25 mm war typisch für Organisationsabzeichen dieser Epoche – groß genug, um erkennbar zu sein, aber dezent genug für den alltäglichen Gebrauch. Die handwerkliche Qualität solcher Abzeichen variierte je nach Hersteller und Produktionszeit erheblich.
Aus sammlungshistorischer Perspektive sind solche Abzeichen heute wichtige Quellen für die Erforschung der Sozialgeschichte, der Organisationsgeschichte und der Alltagskultur der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus. Sie dokumentieren die vielfältigen Versuche, gesellschaftliche Probleme durch organisierte Selbsthilfe und staatliche Förderung zu bewältigen.
Die Geschichte des RDK endete mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes 1945. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden in beiden deutschen Staaten neue Familienorganisationen, die jedoch andere Strukturen und teilweise andere Zielsetzungen verfolgten. Die Erinnerung an den Reichsbund und seine Arbeit blieb ambivalent, da seine Geschichte sowohl soziale Pionierarbeit als auch die Verstrickung in die NS-Ideologie umfasst.