Das Mitgliedsabzeichen der Sektion Mark Brandenburg des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins (DuÖAV) repräsentiert ein dunkles Kapitel der deutschen Vereinsgeschichte. Dieses von Paul Küst Berlin C19 hergestellte Abzeichen dokumentiert die Mitgliedschaft in einer Organisation, die während der Zwischenkriegszeit durch ihre nationalistische und antisemitische Ausrichtung berüchtigt wurde.
Der Deutsche und Österreichische Alpenverein entstand 1873 durch den Zusammenschluss des Österreichischen Alpenvereins (gegründet 1862) und des Deutschen Alpenvereins (gegründet 1869). Ursprünglich als unpolitische Bergsteigervereinigung konzipiert, entwickelte sich der Verein zu einer der größten alpinen Organisationen Mitteleuropas mit zahlreichen regionalen Sektionen, darunter die Sektion Mark Brandenburg für die preußische Region um Berlin.
Die zunehmende Radikalisierung des Vereins begann bereits in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Sektion Wien führte bereits 1905 als erste einen sogenannten “Arierparagraphen” ein, der in ihren Statuten festlegte, dass nur “Deutsche arischer Abstammung” Mitglieder werden konnten. Dieser beispiellose Ausschluss jüdischer Mitglieder in einem Sportverein erfolgte damit mehr als ein Vierteljahrhundert vor der nationalsozialistischen Machtergreifung. 1907 folgte die Akademische Sektion Wien, 1910 die Akademische Sektion München. In den folgenden Jahren übernahmen weitere Sektionen diese diskriminierenden Praktiken.
Diese Entwicklung war Teil einer breiteren deutschnationalen und pangermanischen Bewegung, die besonders in Österreich-Ungarn stark ausgeprägt war. Der Alpenverein wurde zunehmend zu einem Instrument völkischer Ideologie, wobei die Alpen als “deutscher Kulturraum” definiert und verteidigt werden sollten. Die jüdischen Bergsteiger, die aus den traditionellen Sektionen ausgeschlossen wurden, gründeten daraufhin eigene Organisationen, darunter der Österreichische Touristenklub (gegründet 1888) und die Donauland-Sektion (gegründet 1924), die explizit jüdische Mitglieder aufnahmen.
Das vorliegende Mitgliedsabzeichen wurde vom Berliner Hersteller Paul Küst produziert, dessen Werkstatt in Berlin C19 ansässig war. Die Adresse verweist auf den historischen Postbezirk Mitte-Ost, ein Zentrum der Berliner Metallverarbeitung und Schmuckherstellung. Küst war einer von mehreren Berliner Herstellern, die Vereinsabzeichen, Orden und Ehrenzeichen für verschiedene Organisationen fertigten. Die Qualität der Verarbeitung und die Verwendung einer Nadelkonstruktion waren typisch für Mitgliedsabzeichen dieser Epoche.
Die Sektion Mark Brandenburg vertrat das Berliner Umland und organisierte Bergfahrten, Vorträge und gesellschaftliche Veranstaltungen für ihre Mitglieder. Wie viele andere Sektionen unterhielt sie möglicherweise auch alpine Schutzhütten und förderte die touristische Erschließung der Alpenregion. Die genaue Datierung der Einführung des Arierparagraphen in dieser spezifischen Sektion ist nicht eindeutig dokumentiert, doch die allgemeine Tendenz des Gesamtvereins war eindeutig.
Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 wurde der DuÖAV vollständig gleichgeschaltet und in den nationalsozialistischen Staatsapparat eingegliedert. Der Verein wurde Teil des Reichsbundes für Leibesübungen und später in “Deutscher Alpenverein” umbenannt. Die antisemitischen Ausschlüsse wurden nun reichsweit durchgesetzt und verschärft.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Verein neu gegründet. In Westdeutschland entstand 1950 der Deutsche Alpenverein (DAV), in Österreich 1945 der Österreichische Alpenverein (ÖAV). Die Aufarbeitung der antisemitischen Vergangenheit begann allerdings erst Jahrzehnte später. Erst in den 1990er Jahren setzte eine intensive historische Forschung und öffentliche Auseinandersetzung mit dieser dunklen Geschichte ein. Der heutige DAV hat sich offiziell von dieser Vergangenheit distanziert und die Diskriminierung jüdischer Mitglieder als Unrecht anerkannt.
Solche Mitgliedsabzeichen wie das vorliegende sind heute wichtige historische Quellen für die Erforschung der Vereinsgeschichte und der gesellschaftlichen Radikalisierung in der Zwischenkriegszeit. Sie dokumentieren, wie tief antisemitische und nationalistische Ideologien in scheinbar unpolitische Bereiche des gesellschaftlichen Lebens eingedrungen waren, lange bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen.