Deutsches Reich - Einweihung des Nagelungs-Standbildes Graf von der Mark in Hamm/Westfalen 1916

Notenblatt für den Weihechor zur Einweihungsfeier am 2.1.1916; Programmblatt zum Wohltätigkeits-Konzert zum Besten der Kriegerwitwen am 9.7.1916; Ausweiskarte zum Zutritt des Denkmalplatzes; Festschrift zur Jahresfeier; gebrauchter Zustand.
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Deutsches Reich - Einweihung des Nagelungs-Standbildes Graf von der Mark in Hamm/Westfalen 1916

Die Nagelungsbewegung des Ersten Weltkriegs stellt ein bemerkenswertes Phänomen der deutschen Kriegspropaganda und Kriegsfinanzierung dar. Zwischen 1915 und 1918 entstanden im gesamten Deutschen Reich sowie in Österreich-Ungarn hunderte von Nagelfiguren – monumentale Holzskulpturen, in die gegen eine Spende Nägel eingeschlagen werden konnten. Das hier dokumentierte Nagelungs-Standbild des Grafen von der Mark in Hamm, Westfalen, gehörte zu dieser ausgedehnten Bewegung patriotischer Spendenaktionen.

Die Einweihung des Hammer Denkmals fand am 2. Januar 1916 statt, zu einer Zeit, als der Erste Weltkrieg bereits seit anderthalb Jahren tobte und die anfängliche Kriegsbegeisterung zunehmend der Ernüchterung über einen langen Abnutzungskrieg wich. Die erhaltenen Dokumente – ein Notenblatt für den Weihechor, ein Programmblatt für ein Wohltätigkeitskonzert, eine Ausweiskarte und eine Festschrift – geben Einblick in die aufwendige Inszenierung dieser Veranstaltungen.

Die Wahl des Grafen von der Mark als Motiv war für Hamm von besonderer regionaler Bedeutung. Die Grafen von der Mark waren im Mittelalter die Landesherren der gleichnamigen Grafschaft, zu der auch das Gebiet um Hamm gehörte. Durch die Wahl einer historischen Figur aus der regionalen Geschichte sollte eine Brücke zwischen der glorreichen Vergangenheit und der Gegenwart des Krieges geschlagen werden.

Das Konzept der Nagelungen stammte ursprünglich aus Österreich, wo im März 1915 in Wien der erste “Wehrmann in Eisen” aufgestellt wurde. Diese Idee verbreitete sich rasch im gesamten deutschsprachigen Raum. Gegen eine Spende, deren Höhe je nach Material des Nagels variierte – Eisennägel für kleinere Beträge, silberne oder goldene Nägel für größere Summen – durfte man einen Nagel in die Figur schlagen. Die Spenden kamen verschiedenen Kriegszwecken zugute, insbesondere der Unterstützung von Kriegswitwen und Kriegswaisen, wie das Programmblatt zum Konzert vom 9. Juli 1916 belegt.

Die Einweihungszeremonien wurden als quasi-religiöse Ereignisse inszeniert. Der Weihechor, für den ein spezielles Notenblatt erstellt wurde, unterstreicht den feierlich-sakralen Charakter der Veranstaltung. Solche Chöre sangen typischerweise patriotische Lieder und Hymnen, die die Opferbereitschaft der Heimatfront beschworen und den Zusammenhalt zwischen Front und Heimat betonten.

Die Ausweiskarte zum Zutritt des Denkmalplatzes zeigt, dass der Zugang kontrolliert wurde, was sowohl organisatorische als auch symbolische Gründe hatte. Die Teilnahme an solchen Veranstaltungen wurde als Privileg und patriotische Pflicht zugleich dargestellt. Die Festschrift zur Jahresfeier dokumentiert, dass das Denkmal nicht nur einmalig eingeweiht wurde, sondern über einen längeren Zeitraum als Fokus für patriotische Veranstaltungen diente.

Die Nagelungsbewegung erfüllte mehrere Funktionen: Sie generierte finanzielle Mittel für Kriegszwecke, sie band die Zivilbevölkerung emotional in den Krieg ein, sie schuf ein gemeinsames Erlebnis und Identifikationsobjekt für die lokale Gemeinschaft, und sie diente der Kriegspropaganda. Jeder eingeschlagene Nagel war ein sichtbares Zeichen der Unterstützung für den Krieg und der Solidarität mit den Soldaten an der Front.

Nach dem Krieg verschwanden viele dieser Nagelfiguren. Einige wurden zerstört, andere eingelagert oder vergessen. Die hölzernen Monumente passten nicht mehr in die Zeit der Weimarer Republik, in der die Kriegsbegeisterung einer kritischeren Auseinandersetzung mit dem Krieg wich. Heute sind nur noch wenige dieser Objekte erhalten, was die hier dokumentierten Materialien zu wertvollen historischen Zeugnissen macht.

Die erhaltenen Dokumente aus Hamm bieten einen seltenen Einblick in die Organisation und Durchführung solcher Nagelungsaktionen. Sie zeigen die Professionalisierung der Kriegspropaganda und die Mobilisierung der Heimatfront. Die Tatsache, dass zwischen der Einweihung am 2. Januar und dem Konzert am 9. Juli 1916 ein halbes Jahr lag, deutet darauf hin, dass das Denkmal über einen längeren Zeitraum aktiv für Spendenaktionen genutzt wurde.

Aus heutiger Sicht erscheinen die Nagelungsfiguren als ambivalente Objekte: Einerseits Zeugnisse eines erschütternden Kapitels der deutschen Geschichte, andererseits wichtige Dokumente der Mentalitäts- und Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs. Sie zeigen, wie Krieg nicht nur an der Front, sondern auch in der Heimat geführt wurde – durch Propaganda, Symbolik und die Mobilisierung aller gesellschaftlichen Kräfte für den “Endsieg”.