Dieser außergewöhnliche leichte feldgraue Waffenrock Modell 1910 in Sommerausführung stellt ein bemerkenswertes Zeugnis der bayerischen Kavallerie im Ersten Weltkrieg dar. Als Eigentumsstück eines Rittmeisters – dem Kavallerieäquivalent zum Hauptmann der Infanterie – aus dem 3. Chevaulegers-Regiment “Herzog Karl Theodor” vereint dieses Stück militärische Tradition mit der pragmatischen Realität des Stellungskrieges an der Westfront.
Das Regiment und seine Geschichte
Das 3. Chevaulegers-Regiment “Herzog Karl Theodor” blickte auf eine lange Tradition zurück. Gegründet am 23. und 31. Januar 1724, gehörte es zu den traditionsreichsten Kavallerieverbänden des Königreichs Bayern. Sein Friedensstandort befand sich in Dieuze in Lothringen, tief im deutsch-französischen Grenzgebiet. Seit 1895 trug das Regiment den Namen seines Chefs, Herzog Carl Theodor in Bayern (1839–1909). Auch nach dessen Tod am 30. November 1909 behielt das Regiment seinen ehrenvollen Namen bis zu seiner Auflösung im Jahre 1919.
Im Verlauf des Ersten Weltkrieges bewährte sich das Regiment in zahlreichen Einsätzen. Im Jahr 1916 nahmen die Eskadronen des Regiments an der Schlacht an der Somme teil, die vom 1. Juli bis zum 18. November 1916 tobte und als eine der blutigsten Schlachten der Weltgeschichte gilt. Der Einsatz an diesem Abschnitt der Westfront stellte höchste Anforderungen an Mensch und Material.
Der Waffenrock Modell 1910
Der standardmäßige Waffenrock Modell 1907/10 wurde durch Allerhöchste Kabinetts-Ordre vom 28. Februar 1910 für den Felddienst in der Kaiserlich Deutschen Armee eingeführt. Im regulären Dienst bestand er aus schwerem feldgrauen Wollstoff (Tuch). Gegen Ende des Jahres 1915 wurde das Modell 1910 für die meisten Einheiten durch die vereinfachte Bluse Modell 1915 ersetzt. Offiziere trugen jedoch häufig weiterhin die früheren Schnitte, oftmals als Eigentumsstücke, die privat in Auftrag gegeben wurden.
Das vorliegende Exemplar stellt eine Sonderanfertigung dar, die sich in mehreren Punkten vom Standardmodell unterscheidet. Anstelle des schweren Wolltuchs wurde ein leichter, leinenartiger Stoff verwendet, der diesen Waffenrock für den Sommergebrauch an der Front besonders geeignet machte. Die praktischen Sonderlösungen – zusätzliche Taschen an den Ärmelaufschlägen etwa für Karten, zwei innenliegende Brusttaschen sowie verschließbare Seitentaschen – zeugen von den Erfordernissen eines erfahrenen Frontoffiziers, der Wert auf Funktionalität legte.
Besonders bemerkenswert sind die 1916 eingeführten feldgrauen Schulterklappen mit grüner und rosafarbener Nebenfarbe, die auf den Schultern eingenäht sind. Diese feldgrauen Schulterklappen spiegeln die kriegsbedingten Vereinfachungsmaßnahmen der deutschen Armee wider, bei denen unter Materialeinsparung dennoch die Einheitszugehörigkeit erkennbar blieb. Der Umfallkragen, die Ärmelaufschläge und die Brustklappe tragen die rosafarbenen Vorstöße, die für das 3. und 6. Chevaulegers-Regiment charakteristisch waren und diese von anderen bayerischen Kavallerieeinheiten unterschieden. Der Saum ist innen mit feinem blauem Futter versehen.
Die Tatsache, dass die Seitentaschen wie bei Mannschaften mit je einem Knopf verschlossen sind, unterstreicht den feldmäßigen Charakter dieses Stückes. Hier zeigt sich die Übergangsphase des Krieges: Ein Offizier trug einen Waffenrock im Schnitt des Modells 1910, versehen mit den 1916 eingeführten Schulterklappen und individuellen Anpassungen, die seine Fronterfahrung widerspiegelten.
Provenienz: Herzog Ludwig Wilhelm in Bayern
Laut Auskunft stammt dieser Waffenrock aus dem Nachlass von Herzog Ludwig Wilhelm in Bayern (1884–1968). Ludwig Wilhelm war der Sohn des Herzogs Carl Theodor in Bayern, des Namensgebers des Regiments. Nach seiner schulischen Ausbildung trat er in das 3. Chevaulegers-Regiment “Herzog Karl Theodor” ein und diente dort während des Ersten Weltkrieges (1914–1918) im Regimentsstab. Nach dem Tod seines Vaters am 30. November 1909 wurde er Chef des herzoglichen Hauses Wittelsbach.
Die Nachkriegsgeschichte des Herzogs ist ebenso bewegt: Nach der Auflösung des Regiments 1919 infolge der deutschen Niederlage und dem Ende der bayerischen Monarchie lebte Ludwig Wilhelm zunächst in Bayern. Im Jahre 1938 floh er über Belgien in die Vereinigten Staaten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er nach Bayern zurück, wo er 1968 verstarb. Der Waffenrock wurde als Teil seines Nachlasses bewahrt und ist somit ein direktes Bindeglied zwischen einem der bedeutendsten Häuser der bayerischen Aristokratie und der Militärgeschichte des Ersten Weltkrieges.
Historische Bedeutung für den Sammler
Dieses Stück vereint mehrere Aspekte, die es für den Sammler bayerischer Militaria außergewöhnlich wertvoll machen. Die Zugehörigkeit zum 3. Chevaulegers-Regiment, die Verbindung zur Schlacht an der Somme 1916, die individuelle Fertigung als Sonderanfertigung eines Frontoffiziers und nicht zuletzt die hochkarätige Provenienz aus dem Nachlass eines Mitglieds des Hauses Wittelsbach machen diesen leichten Sommer-Waffenrock zu einem Sammlerstück von außerordentlicher historischer Substanz. Er repräsentiert jene Übergangsphase des Krieges, in der traditionelle Uniformschnitte mit den praktischen Erfordernissen des modernen Krieges und den kriegsbedingten Vereinfachungsmaßnahmen verschmolzen.