III. Reich - Heimatfest Fuhlsbüttel, Sportlichen Wettkämpfen + Nadel (Deutscher Turnerbund)

für ein Mädchen, im Alter von 11 Jahren, Urkunde zur Teilnahme der Wettkämpfe vom 20. - 27. August 1932, Maße: 14 x 18,5cm. Anbei die Anstecknadel - Deutscher Turnerbund, an langer Nadel, Zustand 2
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III. Reich - Heimatfest Fuhlsbüttel, Sportlichen Wettkämpfen + Nadel (Deutscher Turnerbund)

Das vorliegende Ensemble aus einer Urkunde und einer Anstecknadel des Deutschen Turnerbundes dokumentiert die Teilnahme eines elfjährigen Mädchens an sportlichen Wettkämpfen während des Heimatfestes in Fuhlsbüttel vom 20. bis 27. August 1932. Diese Objekte gewähren einen wertvollen Einblick in die Turn- und Sportkultur der späten Weimarer Republik, unmittelbar vor der nationalsozialistischen Machtergreifung im Januar 1933.

Der Deutsche Turnerbund (DTB) wurde 1848 in Hanau gegründet und entwickelte sich zur größten Dachorganisation der deutschen Turnbewegung. Die Turnbewegung selbst geht auf Friedrich Ludwig Jahn zurück, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Turnen als Mittel zur körperlichen Ertüchtigung und nationalen Erziehung etablierte. Der DTB vertrat bürgerlich-nationale Werte und unterschied sich damit von sozialistisch orientierten Arbeiter-Turn- und Sportbünden.

In den 1920er und frühen 1930er Jahren erlebte die Turnbewegung in Deutschland eine Blütezeit. Lokale Turnvereine organisierten regelmäßig Heimatfeste und Volksfeste, bei denen sportliche Wettkämpfe, Vorführungen und gesellschaftliche Veranstaltungen kombiniert wurden. Diese Feste dienten nicht nur der körperlichen Ertüchtigung, sondern auch der Pflege von Gemeinschaft und lokaler Identität. Fuhlsbüttel, heute ein Stadtteil Hamburgs, war in dieser Zeit noch eine eigenständige Gemeinde mit aktiven Vereinsstrukturen.

Besonders bemerkenswert ist, dass die Urkunde für ein Mädchen ausgestellt wurde. Die Beteiligung von Mädchen und Frauen am organisierten Sport war in den 1920er Jahren noch keineswegs selbstverständlich. Zwar hatte die Weimarer Republik mit ihrer demokratischen Verfassung und dem Frauenwahlrecht neue Möglichkeiten für weibliche Partizipation eröffnet, doch im Sport blieben traditionelle Geschlechterrollen lange wirksam. Der DTB öffnete sich erst allmählich für Mädchen- und Frauenturnen, wobei spezielle “damenmäßige” Übungen entwickelt wurden, die zeitgenössischen Vorstellungen von Weiblichkeit entsprachen.

Die Anstecknadel des Deutschen Turnerbundes war ein typisches Abzeichen, das Mitgliedschaft und Zugehörigkeit symbolisierte. Solche Nadeln wurden bei besonderen Leistungen, Wettkampfteilnahmen oder als Vereinsabzeichen verliehen. Die lange Nadel ermöglichte das Befestigen an der Kleidung, typischerweise an Blusen, Kleidern oder Turnanzügen. Das Design solcher Abzeichen folgte meist traditionellen Turn-Symboliken mit dem charakteristischen Turner-Kreuz (vier F für “Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei”) oder anderen Turnemblemen.

Das Jahr 1932 markiert einen historischen Wendepunkt in der deutschen Geschichte. Es war das letzte volle Jahr der Weimarer Republik, geprägt von politischer Instabilität, wirtschaftlicher Depression und zunehmendem Einfluss der Nationalsozialisten. Bei den Reichstagswahlen im Juli und November 1932 wurde die NSDAP zur stärksten Partei. Die Turn- und Sportvereine befanden sich in einem Spannungsfeld zwischen unpolitischem Vereinsleben und zunehmender Politisierung.

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 wurde der Deutsche Turnerbund im Rahmen der Gleichschaltung aufgelöst und in den Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen (NSRL) eingegliedert. Die traditionelle Turnbewegung verlor damit ihre organisatorische Eigenständigkeit und wurde der NS-Ideologie untergeordnet. Viele Funktionäre passten sich den neuen Verhältnissen an, während andere aus politischen oder rassistischen Gründen ausgeschlossen wurden.

Urkunden und Abzeichen wie die vorliegenden sind heute wichtige zeitgeschichtliche Dokumente. Sie dokumentieren nicht nur individuelle Leistungen und Teilnahmen, sondern auch die Alltagskultur, Vereinsstrukturen und gesellschaftlichen Werte ihrer Zeit. Die Kombination aus persönlicher Urkunde und Verbandsabzeichen macht dieses Ensemble besonders aussagekräftig für die Erforschung der Turn- und Sportgeschichte in der Übergangszeit von der Weimarer Republik zum Nationalsozialismus.

Für Sammler und Historiker sind solche Objekte von Interesse, da sie die lokale Sportgeschichte und die Lebenswelt junger Menschen in den frühen 1930er Jahren greifbar machen. Sie erinnern an eine Zeit, in der Turnvereine wichtige soziale Institutionen waren und sportliche Betätigung als Mittel zur Charakterbildung und Gesundheitspflege galt – Ideale, die jedoch bald von der NS-Ideologie instrumentalisiert werden sollten.