Besteck der Alten Reichskanzlei: Kuchengabel aus der Mitarbeiterkantine
Dieses versilberte Besteckstück aus der Zeit um 1935 stammt aus der Kantine der Alten Reichskanzlei in Berlin und repräsentiert einen besonderen Aspekt der alltäglichen Verwaltungsgeschichte des nationalsozialistischen Regimes. Die 15,5 cm lange Kuchengabel trägt auf ihrem Griffstück einen reliefierten Hoheitsadler mit umlaufender Zierkante und ist rückseitig mit “Bruckmann” sowie “90” für die Feinsilberauflage gestempelt.
Die Firma Bruckmann
Die Bruckmann & Söhne Metallfabrik in Heilbronn gehörte zu den renommiertesten Herstellern von Tafelsilber und versilbertem Besteck in Deutschland. Das 1805 gegründete Unternehmen belieferte bereits im Kaiserreich höchste Kreise und setzte diese Tradition in der Weimarer Republik und im Dritten Reich fort. Die Firma war für ihre hohe handwerkliche Qualität bekannt und fertigte sowohl für private Auftraggeber als auch für staatliche Institutionen. Die Kennzeichnung “90” auf diesem Stück weist auf eine 90-grammige Feinsilberauflage pro Quadratmeter hin, was einer hochwertigen Versilberung entspricht.
Die Alte Reichskanzlei
Die Alte Reichskanzlei am Wilhelmplatz in Berlin diente seit der Reichsgründung 1871 als Amts- und Wohnsitz der deutschen Reichskanzler. Nach der Machtübernahme Adolf Hitlers im Januar 1933 wurde das Gebäude zum Zentrum der nationalsozialistischen Regierungsgewalt. Die Einrichtung umfasste nicht nur repräsentative Räume für Staatsempfänge und Regierungsgeschäfte, sondern auch eine Kantine für die zahlreichen Mitarbeiter der Reichskanzlei. Diese Mitarbeiterkantine war von den repräsentativen Räumen getrennt und diente der alltäglichen Verpflegung des Verwaltungspersonals.
Arthur Kannenberg als Hausintendant
Arthur Kannenberg (1896-1963) wurde 1933 von Hitler zum Hausintendanten der Reichskanzlei ernannt. Der gelernte Gastronom hatte zuvor die Leitung des Kasinos im Braunen Haus in München übernommen und genoss das Vertrauen Hitlers. Als Hausintendant war Kannenberg für den gesamten Ablauf des Führerhaushalts verantwortlich, einschließlich der Personaleinstellung, Lebensmittelversorgung, Speiseplanung und Organisation von Staatsempfängen. Seine Zuständigkeit erstreckte sich auch auf die Mitarbeiterkantine, deren Ausstattung und Betrieb er überwachte. Die Beschaffung von hochwertigem Besteck von Firmen wie Bruckmann fiel in seinen Verantwortungsbereich.
Symbolik und Alltagskultur
Der reliefierte Hoheitsadler auf dem Griffstück zeigt die typische nationalsozialistische Symbolik, wie sie auf vielen offiziellen Gegenständen angebracht wurde. Interessant ist, dass selbst das Besteck der Mitarbeiterkantine diese repräsentative Gestaltung aufwies, was die Durchdringung aller Lebensbereiche mit nationalsozialistischer Ikonographie verdeutlicht. Im Gegensatz zum noch aufwendiger gestalteten Tafelsilber für repräsentative Anlässe war das Kantinenbesteck funktional und für den täglichen Gebrauch konzipiert, jedoch keineswegs von minderer Qualität.
Das Schicksal nach 1945
Nach der Kapitulation im Mai 1945 wurde die Reichskanzlei von sowjetischen Truppen erobert und später größtenteils zerstört. Viele Einrichtungsgegenstände, darunter auch Besteck und Geschirr, verschwanden in den Wirren der letzten Kriegstage und der unmittelbaren Nachkriegszeit. Sowohl alliierte Soldaten als auch Berliner Zivilisten nahmen Gegenstände aus der Reichskanzlei mit. Für die ausgebombten Berliner bedeuteten diese Gegenstände eine Möglichkeit, ihre zerstörten Haushalte wieder auszustatten. Für die Besatzungssoldaten waren sie begehrte Souvenirs, die an die Niederschlagung des nationalsozialistischen Regimes erinnerten.
Historische Bedeutung
Objekte wie diese Kuchengabel sind heute wichtige historische Zeugnisse. Sie dokumentieren nicht nur die materielle Kultur des Dritten Reiches, sondern auch die Alltäglichkeit der Verwaltung hinter der politischen Fassade. Während die große Politik und die Verbrechen des Regimes im Vordergrund der historischen Betrachtung stehen, zeigen solche Alltagsgegenstände die Funktionsweise und Organisation der nationalsozialistischen Herrschaft auf einer praktischen Ebene. Sie erinnern daran, dass das Regime von einem umfangreichen Verwaltungsapparat getragen wurde, dessen Mitarbeiter in Kantinen speisten, die mit hochwertigem Besteck ausgestattet waren.
Die Provenienz solcher Objekte ist oft schwer nachzuvollziehen, da sie in den chaotischen Verhältnissen der Kriegs- und Nachkriegszeit ihre ursprünglichen Standorte verließen. Heute befinden sich solche Stücke in Museen, Sammlungen und Privatbesitz und dienen als Anschauungsmaterial für die historische Forschung und Bildung über die Zeit des Nationalsozialismus.