III. Reich - Erstes Kreisturnfest der niederbayr. Ostmark Pfarrkirchen 29.u.30. Brachmond (Juni) 1860-1935
Das vorliegende Blechabzeichen dokumentiert das Erste Kreisturnfest der niederbayerischen Ostmark, das am 29. und 30. Juni 1935 in Pfarrkirchen stattfand. Die Bezeichnung “Brachmond” stellt dabei die alte deutsche Monatsbezeichnung für Juni dar, was auf die bewusste Verwendung traditioneller Terminologie im nationalsozialistischen Deutschland hinweist. Das Abzeichen trägt zudem den Hinweis auf das 75-jährige Jubiläum, bezogen auf das Gründungsjahr 1860.
Die Deutsche Turnbewegung hatte ihre Wurzeln in den Befreiungskriegen gegen Napoleon, als Friedrich Ludwig Jahn ab 1811 das Turnen als Mittel zur körperlichen und geistigen Ertüchtigung der deutschen Jugend etablierte. Die Turnvereine entwickelten sich im 19. Jahrhundert zu wichtigen gesellschaftlichen Institutionen mit einer stark national-liberalen Ausrichtung. Nach der Reichsgründung 1871 expandierte die Turnbewegung erheblich, wobei lokale und regionale Turnfeste zentrale Ereignisse des Vereinslebens darstellten.
Im Kontext des Dritten Reiches erfuhr die Turnbewegung eine fundamentale Transformation. Nach der Machtergreifung 1933 wurden die traditionell autonomen Turnvereine schrittweise in die nationalsozialistische Organisationsstruktur eingegliedert. Der Deutsche Reichsbund für Leibesübungen wurde zum zentralen Koordinationsorgan aller sportlichen Aktivitäten umgestaltet. Die Turnfeste, die zuvor primär sportliche und gesellige Veranstaltungen waren, erhielten nun eine ausgeprägt politische Komponente.
Die Bezeichnung “Ostmark” in der Beschreibung des Abzeichens bezieht sich in diesem Kontext auf die niederbayerische Region und nicht auf Österreich, das erst 1938 als “Ostmark” dem Deutschen Reich angegliedert wurde. Der Begriff hatte in der nationalsozialistischen Terminologie eine besondere Bedeutung und sollte die Grenzlage und vermeintliche Schutzfunktion dieser Regionen betonen.
Das Jahr 1935 markiert eine Phase der Konsolidierung der nationalsozialistischen Herrschaft. Die Nürnberger Gesetze wurden im September desselben Jahres verabschiedet, und die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht im März 1935 signalisierte die zunehmende Militarisierung der Gesellschaft. Turnfeste dienten in diesem Kontext nicht mehr nur der sportlichen Betätigung, sondern auch der Demonstration von Einheit, Disziplin und Wehrhaftigkeit.
Das Blechabzeichen selbst ist typisch für die Erinnerungs- und Teilnehmerabzeichen, die bei sportlichen und gesellschaftlichen Veranstaltungen der NS-Zeit ausgegeben wurden. Diese Abzeichen wurden in großen Stückzahlen produziert, meist aus kostengünstigen Materialien wie Blech, und mit einer Nadelkonstruktion zur Befestigung an der Kleidung versehen. Sie dienten sowohl als Eintrittsberechtigung und Teilnahmenachweis als auch als Erinnerungsstück.
Die Gestaltung solcher Abzeichen folgte häufig bestimmten ikonografischen Mustern: Verwendung von Hakenkreuzen, Adlern, stilisierten Turnersymbolen wie dem Turnvater-Jahn-Kreuz oder athletischen Figuren. Die Beschriftung enthielt typischerweise Ort, Datum und Anlass der Veranstaltung. Die Verwendung der alten Monatsbezeichnung “Brachmond” statt des lateinischen “Juni” entspricht der nationalsozialistischen Ideologie der Rückbesinnung auf vermeintlich germanische Traditionen.
Pfarrkirchen, eine Kleinstadt in Niederbayern, war wie viele ländliche Regionen Bayerns ein Zentrum traditioneller Turnvereine. Solche regionalen Turnfeste zogen oft mehrere tausend Teilnehmer und Zuschauer an und waren wichtige gesellschaftliche Ereignisse, die die lokale Gemeinschaft zusammenbrachten, gleichzeitig aber auch der nationalsozialistischen Propaganda dienten.
Aus militärhistorischer Perspektive sind solche Abzeichen bedeutsam, da sie die Durchdringung der Zivilgesellschaft durch nationalsozialistische Ideologie dokumentieren. Die Turnbewegung wurde systematisch für die paramilitärische Ausbildung und ideologische Indoktrination genutzt. Die körperliche Ertüchtigung wurde als Vorbereitung auf den Wehrdienst verstanden und propagiert.
Heute sind solche Abzeichen wichtige zeitgeschichtliche Dokumente, die Einblick in die Alltagskultur und Organisationsstrukturen des NS-Regimes geben. Sie illustrieren, wie totalitäre Systeme selbst scheinbar unpolitische Bereiche wie den Sport für ihre Zwecke instrumentalisierten. Der Erhaltungszustand “2” deutet auf ein gut erhaltenes Exemplar hin, was bei über 85 Jahre alten Blechabzeichen bemerkenswert ist.