Unter den seltensten und bedeutendsten Relikten der deutschen Militärgeschichte des 20. Jahrhunderts nehmen die Truppenfahnen der Wehrmacht einen besonderen Platz ein. Die hier vorgestellte Bataillonsstandarte der Panzerabwehr-Abteilung 37 gehört zu den wenigen vollständig erhaltenen Exemplaren in privater Hand und stellt ein Objekt von musealem Rang dar. In über 35 Jahren Facherfahrung sind weniger als zehn komplette Standarten in privatem Besitz bekannt geworden.
Institutionelle Grundlage: Die Stiftung der Truppenfahnen
Am 16. März 1935 verkündete Adolf Hitler die sogenannte Wehrfreiheit — die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht, die gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrags verstieß. Genau ein Jahr später, am 16. März 1936, stiftete Hitler per Erlass die Truppenfahnen der Wehrmacht und knüpfte damit an eine preußisch-deutsche Militärtradition an, die von der Reichswehr nicht fortgeführt worden war. Diese beiden Schlüsseldaten — der “Tag der Verkündung der Wehrfreiheit” und der “Stiftungstag der Truppenfahnen” — sind auf den versilberten Banderolen des Fahnenbandes eingraviert und bilden das symbolische Fundament jeder Truppenfahne.
Die feierliche Überreichung der meisten Truppenfahnen erfolgte in den Jahren 1936 bis 1937. Bis 1939 waren sämtliche bestehenden Einheiten mit ihren Fahnen ausgestattet.
Systematik der Truppenfahnen
Die Wehrmacht unterschied zwei Grundformen: Fahnen in quadratischer Form für nicht-motorisierte Einheiten wie Infanterie, Pioniere und Gebirgstruppen, sowie Standarten in Schwalbenschwanzform für motorisierte Verbände, Kavallerie, Artillerie, Panzer-, Panzerabwehr-, und Nachrichtentruppen. Die Panzerabwehr-Abteilung 37 erhielt als motorisierte Einheit eine Standarte — kein quadratisches Fahnentuch.
Die Unterscheidung der Waffengattungen erfolgte über die Waffenfarbe: Rosa kennzeichnete die Panzer- und Panzerabwehrtruppe, Rot die Artillerie, Weiß die Infanterie, Orange die Kavallerie, Grün die Jägertruppen und Schwarz die Pioniere. Das rosafarbene Seidentuch dieser Standarte ordnet sie somit eindeutig der Panzerabwehrtruppe zu.
Physische Beschreibung
Diese Standarte ist in bemerkenswerter Vollständigkeit erhalten. Das Fahnentuch aus rosa Seide misst ca. 51 × 69 cm und ist umlaufend mit silberfarbenen Fransen aus Aluminiumgespinst versehen. Beide Seiten zeigen ein großes Eisernes Kreuz, in dessen Zentrum ein handgestickter Hoheitsadler im Eichenlaubkranz prangt, während in den vier Ecken jeweils ein Hakenkreuz angebracht ist. Das Tuch ist mit originaler Silberlitze und Nägeln auf den gekürzten Fahnenstock aus geschwärzter Eiche aufgenagelt.
Unter dem Fahnentuch befindet sich der versilberte Fahnenring mit der Gravur “Pz.Abw.Abt 37”. Die Fahnenspitze aus Aluminium ist seitlich verschraubt und trägt auf der Unterseite die teilweise lesbare Herstellerbezeichnung “Kraas”. Das aufgeknotete Fahnenband besteht aus Aluminiumgewebe mit schwarz-weiß-roter Einfassung und endet beidseitig in Quasten. Die versilberten Banderolen an beiden Enden zeigen den Hoheitsadler im Eichenlaubrahmen mit den Daten “16. März 1935” und “16. März 1936”.
Die Einheit: Panzerabwehr-Abteilung 37
Die Panzerabwehr-Abteilung 37 wurde am 15. Oktober 1935 in Mühlhausen im Wehrkreis IV aufgestellt, gebildet aus Abgaben der Panzerabwehr-Abteilung 3. Die Abteilung wurde der 1. Panzer-Division unterstellt. Am 6. Oktober 1936 erfolgte eine Umbenennung: Die Abteilung wurde zur Panzerabwehr-Abteilung 29, während die bisherige Abteilung 29 die Bezeichnung 37 übernahm. Die neu bezeichnete Abteilung 37 war zunächst in Kassel (Wehrkreis IX) stationiert, bevor sie 1937 dauerhaft nach Eisenach (Wehrkreis IX) verlegt wurde. Sie blieb weiterhin der 1. Panzer-Division unterstellt.
1936 leistete die Abteilung Abgaben zur Neuaufstellung der Panzerabwehr-Abteilung 38. Bei der Mobilmachung wurde sie durch die 2. Kompanie des MG-Bataillons 59 auf vier Kompanien verstärkt. Am 15. März 1940 wurde die 3. Kompanie mit der 1. Kompanie der Panzerabwehr-Abteilung 27 ausgetauscht. Am 1. April 1940 erfolgte die Umbenennung in Panzerjäger-Abteilung 37.
Zu den Kommandeuren der Abteilung zählten Oberstleutnant Arthur Kopp (von der Aufstellung bis zum 26. August 1940), Major Manfred Kaundynia (August 1940 bis 20. August 1941, gefallen), Hauptmann Paul Düllmann (August bis September 1942), Hauptmann Heinrich Draeger (September 1942 bis 15. Juli 1943) und Hauptmann Heinz Poeppl (15. Juli 1943 bis 9. März 1944, schwer verwundet). Die Einheit diente mit der 1. Panzer-Division in den Feldzügen in Polen, Frankreich und an der Ostfront.
Verwendung und Zeremoniell
Die Truppenfahnen wurden nicht im täglichen Dienst geführt, sondern nur zu bestimmten zeremoniellen Anlässen gezeigt: Ehrenparaden für den Führer, Vereidigungen und Inspektionen. Motorisierte und gepanzerte Einheiten konnten ihre Standarten auf Fahrzeugen mitführen. Ab Februar 1944 wurde bei Vereidigungszeremonien anstelle der Truppenfahnen die Reichskriegsflagge verwendet.
Das Schicksal der Truppenfahnen
Zum Stand vom 30. April 1939 war die Wehrmacht mit insgesamt 930 Truppenfahnen ausgestattet: 290 für die Infanterie, 251 für die Artillerie und nur 115 für Panzer- und Panzerabwehrtruppen. Die Panzerregimenter erhielten jeweils drei Bataillonsstandarten, die Panzerabwehr-Abteilungen jeweils eine.
Am 28. August 1944 befahl Hitler den Einzug sämtlicher Truppenfahnen und deren Ersatz durch die Reichskriegsflagge, um ihre Erbeutung durch den Feind zu verhindern. Die Standarten wurden in Museen nach Berlin (Zeughaus), Dresden, München und Wien verbracht. Bei Kriegsende erbeutete die Rote Armee Hunderte von Standarten aus dem Berliner Zeughaus. Am 24. Juni 1945 wurden rund 200 erbeutete deutsche Standarten bei der Siegesparade in Moskau vorgeführt. Die meisten erbeuteten Truppenfahnen befinden sich heute in verschiedenen militärgeschichtlichen Museen in Russland, den USA, England und Deutschland.
Dass diese Standarte der Panzerabwehr-Abteilung 37 vollständig mit allen Komponenten erhalten blieb, macht sie zu einem außergewöhnlichen Sammlerstück und einem Dokument von unschätzbarem historischem Wert.