3. Reich Pressefoto: Der Millionenschatz der "Lutine" wird gehoben 26.7.1938
Das Pressefoto vom Bergungsversuch der HMS Lutine (1938)
Das vorliegende Pressefoto aus dem Dritten Reich vom 26. Juli 1938 dokumentiert einen bedeutenden maritimen Bergungsversuch, der internationale Aufmerksamkeit erregte: die Hebung des legendären Schatzes der HMS Lutine. Dieses Bild ist ein faszinierendes Zeugnis dafür, wie das NS-Regime auch scheinbar unpolitische Ereignisse für propagandistische Zwecke nutzte und wie die gleichgeschaltete Presse des Dritten Reiches arbeitete.
Die HMS Lutine: Geschichte eines Schatzes
Die HMS Lutine war ursprünglich eine französische Fregatte namens La Lutine, die 1785 gebaut und 1793 von der britischen Royal Navy erbeutet wurde. Am 9. Oktober 1799 lief das Schiff während eines schweren Sturms vor der niederländischen Küste nahe der Insel Terschelling auf eine Sandbank und sank. An Bord befanden sich Gold- und Silberbarren sowie Münzen im Wert von schätzungsweise über einer Million Pfund Sterling – eine astronomische Summe für die damalige Zeit. Diese Ladung war für Hamburger Kaufleute bestimmt und bei Lloyd's of London versichert, was den Fall für die Versicherungsbranche besonders bedeutsam machte.
Der Untergang der Lutine wurde zu einer der berühmtesten maritimen Katastrophen der Geschichte, nicht wegen der Verluste an Menschenleben, sondern wegen der enormen Schatzladung. Von den über 240 Menschen an Bord überlebte nur ein Matrose. Die Bergung des Schatzes beschäftigte Abenteurer und Bergungsunternehmen über anderthalb Jahrhunderte hinweg.
Bergungsversuche im 19. und 20. Jahrhundert
Bereits ab 1801 begannen die ersten Bergungsversuche. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden mehrere Expeditionen unternommen, die jedoch nur begrenzt erfolgreich waren. Die berühmte Lutine-Glocke, die 1859 geborgen wurde, hängt bis heute im Hauptgebäude von Lloyd's of London und wird bei wichtigen Ankündigungen geläutet – einmal für schlechte Nachrichten, zweimal für gute. Diese Glocke wurde zum Symbol der Versicherungsbranche.
In den 1930er Jahren erlebten Bergungsversuche eine Renaissance, getrieben durch verbesserte Tauchtechnologie und wirtschaftliche Not während der Weltwirtschaftskrise. Der niederländische Bergungsunternehmer Johan Eisma und sein Team führten zwischen 1938 und 1939 intensive Bergungsarbeiten durch. Das vorliegende Pressefoto dokumentiert vermutlich genau diese Kampagne vom Juli 1938.
Pressefotografie im Dritten Reich
Die Entstehung und Verbreitung dieses Fotos muss im Kontext der nationalsozialistischen Medienpolitik betrachtet werden. Nach der Machtergreifung 1933 wurde die deutsche Presse systematisch gleichgeschaltet. Das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unter Joseph Goebbels kontrollierte streng, welche Informationen und Bilder veröffentlicht werden durften.
Pressefotos wie dieses wurden über zentrale Agenturen wie das Deutsche Nachrichtenbüro (DNB) oder private Bildagenturen wie Scherl oder Hoffmann verbreitet. Die rückseitige Beschriftung, die auf solchen Fotos typisch war, enthielt meist Bildunterschriften, Datumsangaben, Freigabestempel und manchmal Verwendungshinweise. Diese Fotos wurden an Zeitungsredaktionen im gesamten Reich verschickt.
Propagandistischer Wert
Warum interessierte sich die NS-Presse für einen niederländischen Bergungsversuch? Solche Geschichten erfüllten mehrere Funktionen: Sie boten Ablenkung von politischen Themen und der zunehmenden Kriegsvorbereitung. Im Sommer 1938, wenige Monate vor der Sudetenkrise und dem Münchner Abkommen, war Europa am Rande eines großen Konflikts. Sensationsgeschichten über Schatzsuchen boten willkommene Unterhaltung.
Zudem demonstrierten solche Berichte technischen Fortschritt und menschlichen Erfindungsreicht – Themen, die das NS-Regime gerne propagierte. Die Geschichte kombinierte Abenteuer, Technik und den Reiz unermesslicher Reichtümer, Elemente, die Leser fesselten.
Format und Verwendung
Das Format von etwa 13 x 18 cm war ein Standardformat für Pressefotos der Zeit. Diese Größe war ideal für die Verwendung in Zeitungen und Illustrierten wie dem Völkischen Beobachter, der Berliner Illustrirten Zeitung oder regionalen Tageszeitungen. Die rückseitige Beschriftung ermöglichte es Redakteuren, das Bild schnell zu identifizieren und entsprechend zu verwenden.
Das Schicksal des Schatzes
Trotz intensiver Bemühungen blieb der Großteil des Lutine-Schatzes unerreichbar. Die sich ständig verändernden Sandbänke, starke Strömungen und die Tiefe machten eine vollständige Bergung unmöglich. Über die Jahre wurden zwar Gold- und Silbermünzen sowie einige Barren geborgen, aber der größte Teil der Ladung liegt vermutlich noch immer im Meeresboden vor Terschelling.
Historische Bedeutung
Dieses Pressefoto ist mehr als nur die Dokumentation eines Bergungsversuchs. Es ist ein Zeitzeugnis der Medienlandschaft im nationalsozialistischen Deutschland, der internationalen Faszination für maritime Schätze und der technischen Möglichkeiten der späten 1930er Jahre. Für Sammler und Historiker bietet es Einblicke in die alltägliche Pressearbeit einer Diktatur, die selbst scheinbar unpolitische Ereignisse für ihre Zwecke instrumentalisierte.
Die Erhaltung solcher Dokumente ist wichtig für das Verständnis der umfassenden Medienkontrolle im Dritten Reich und der Art und Weise, wie Information und Unterhaltung zur Manipulation der öffentlichen Meinung eingesetzt wurden.