Lineol - Heer 2 Trommler marschierend
Die vorliegende Lineol-Figur zweier marschierender Heerestrommlern stellt ein bemerkenswertes Beispiel der deutschen Spielzeugproduktion der 1930er und frühen 1940er Jahre dar. Mit einer Höhe von 7 Zentimetern gehört diese Figur zur typischen Größe der Lineol-Massenproduktion, die das Unternehmen zu einem der führenden Hersteller von Militärspielzeug im nationalsozialistischen Deutschland machte.
Die Firma Lineol wurde 1906 von Oskar Wiederholt in Brandenburg an der Havel gegründet und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten deutschen Spielzeughersteller. Der Name “Lineol” ist eine Kunstschöpfung, die wahrscheinlich auf “Linoleum” zurückgeht, da die ersten Produkte aus einem lineolartigen Material hergestellt wurden. Ab den 1920er Jahren spezialisierte sich das Unternehmen auf die Herstellung von Massefiguren – Spielzeugfiguren aus einem Gemisch aus Kasein, Sägemehl, Kreide und anderen Bindemitteln, das in Formen gepresst und anschließend handbemalt wurde.
Die Darstellung von Trommlern in der Wehrmacht hatte eine besondere militärhistorische Bedeutung. In der deutschen Militärtradition spielten Trommler seit Jahrhunderten eine wichtige Rolle in der militärischen Kommunikation und Truppenführung. Während der Zeit der Wehrmacht (1935-1945) waren Trommler Teil der militärischen Musikkorps und hatten sowohl zeremonielle als auch praktische Funktionen. Sie begleiteten Truppenbewegungen, unterstützten die Marschordnung und waren bei offiziellen Anlässen und Paraden unverzichtbar.
Die Heerestrommler trugen typischerweise die reguläre Felduniform der Wehrmacht mit charakteristischen Ergänzungen für Musiker. Dazu gehörten oft spezielle Schwalbennester (Schulterstücke), die in der preußischen Militärtradition wurzelten, sowie besondere Abzeichen, die ihre Zugehörigkeit zu den Musikkorps kennzeichneten. Die Trommel selbst war meist eine Marschtrommel mit charakteristischer zylindrischer Form, die mit Lederriemen über der Schulter getragen wurde.
Lineol produzierte zwischen 1933 und 1945 eine umfangreiche Serie von Wehrmacht-Figuren in verschiedenen Posen und Funktionen. Die marschierenden Figuren waren besonders beliebt, da sie dynamische Spielmöglichkeiten boten und die militärische Ästhetik der Zeit widerspiegelten. Die Figuren wurden in verschiedenen Größenskalen hergestellt, wobei die 7-Zentimeter-Größe zu den Standardformaten gehörte, die mit anderen Lineol-Produkten kompatibel waren.
Die Herstellungstechnik von Lineol war für die damalige Zeit hochentwickelt. Die Figuren wurden in mehrteiligen Metallformen gepresst, wobei Kopf, Körper und manchmal auch Arme und Beine separat gefertigt und dann zusammengesetzt wurden. Die Bemalung erfolgte in mehreren Schritten von Hand, wobei zunächst eine Grundierung aufgetragen wurde, gefolgt von den Detailfarben. Die Qualität der Bemalung variierte je nach Produktionsjahr – frühe Vorkriegsfiguren zeigten oft eine feinere Detailarbeit als die späteren Kriegsproduktionen, als Material- und Arbeitskräftemangel die Qualität beeinträchtigten.
Der Erhaltungszustand 2/2- deutet auf eine sehr gute bis gute Erhaltung hin, was bei Massefiguren aus dieser Zeit bemerkenswert ist. Das Material war anfällig für Feuchtigkeit, mechanische Beschädigungen und Farbabplatzungen. Viele Figuren wurden von Kindern intensiv bespielt und wiesen entsprechende Gebrauchsspuren auf. Gut erhaltene Exemplare wie diese sind heute bei Sammlern besonders gesucht.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Produktion von Lineol zunächst eingestellt, das Werk befand sich in der sowjetischen Besatzungszone. In den 1950er Jahren wurde die Produktion in Westdeutschland unter schwierigen Bedingungen wieder aufgenommen, konzentrierte sich aber auf zivile und historische Figuren statt auf zeitgenössische Militaria. Die Wehrmacht-Figuren aus der Vorkriegs- und Kriegszeit sind heute wichtige zeitgeschichtliche Dokumente, die Einblicke in die Spielzeugkultur und Militärverherrlichung des nationalsozialistischen Deutschlands geben.
Aus heutiger Sicht sind solche Objekte von kulturhistorischem und sammlungsgeschichtlichem Interesse. Sie dokumentieren nicht nur die handwerkliche Qualität deutscher Spielzeughersteller, sondern auch die Indoktrination und Militarisierung der Jugend in der NS-Zeit. Museen und Sammler bewahren diese Objekte als Zeugnisse einer dunklen Epoche deutscher Geschichte auf.