Dieser bemerkenswerte Nachlass eines Oberlandforstmeisters im Forstdienst der Luftwaffe stellt ein seltenes Ensemble dar, das tiefe Einblicke in eine wenig bekannte Nische der deutschen Militär- und Verwaltungsgeschichte gewährt. Im Zentrum steht ein Hirschfänger für Forstbeamte der Luftwaffe, gefertigt von der renommierten Solinger Firma Alcoso (Alexander Coppel, Solingen), die 1865 gegründet wurde und deren Markenzeichen die Buchstaben “A C S” zusammen mit einer stilisierten Waage bildeten. Ergänzt wird der Hirschfänger durch eine Reihe zugehöriger Uniform- und Ausrüstungsstücke, die zusammen ein umfassendes Bild des Forstdienstes innerhalb der Luftwaffe zeichnen.
Historischer Hintergrund: Görings Forst- und Jagdimperium
Am 8. Juli 1933 wurde Hermann Göring zum Reichsjägermeister ernannt, womit ihm die Verwaltung aller Aspekte der Forstwirtschaft und Jagd übertragen wurde. Ein Jahr später, 1934, wurde er zusätzlich zum Reichsforstmeister berufen. In dieser Doppelfunktion setzte Göring umfassende Reformen der Forstgesetze um und ergriff Maßnahmen zum Schutz gefährdeter Arten. Im selben Jahr 1934 wurde das Reichsforstamt geschaffen, das die bisherigen regionalen Forstbehörden ersetzte. Dieses Amt wurde in vier Hauptabteilungen untergliedert, darunter der Luftwaffe Forstdienst.
Der Deutsche Jagdverband und die Forstdienstorganisation kamen schließlich unter die Aufsicht der NSDAP, wobei beide von Hermann Göring geleitet wurden. Das primäre Ziel bestand darin, Wild und Wälder zu erhalten. Am 1. Juli 1938 übernahm die Luftwaffe das Rangsystem für ihr Forstpersonal, und die neue Waffenfarbe Schwarz wurde eingeführt. Die Heeresforstverwaltung folgte am 16. Dezember 1938 mit derselben Regelung. In der relativ kurzen Zeitspanne von zwölf Jahren wurden nicht weniger als vier verschiedene Bekleidungsvorschriften für die Forstdienste erlassen – ein Hinweis auf die häufigen organisatorischen Umstrukturierungen dieser Ära.
Der Hirschfänger – Tradition und Symbolik
Jagd- und Forsthirschfänger haben eine lange Tradition, die weit vor die Zeit des Dritten Reiches zurückreicht. Während dieser Epoche wurden nur geringfügige Designänderungen vorgenommen, wobei die bedeutendste die Hinzufügung des Nationaladlers auf den Exemplaren des Dritten Reiches war. Diese Waffen werden in der Fachliteratur häufig als “Cutlass” (Hirschfänger/Seitengewehr) bezeichnet. Bemerkenswert ist, dass nur sehr wenige Hirschfänger aus der Zeit des Dritten Reiches mit nationalsozialistischen Emblemen versehen wurden.
Bei dem vorliegenden Stück handelt es sich um ein privat beschafftes Exemplar – Jagd- und Forsthirschfänger waren Privaterwerbsstücke mit zahllosen Variationen. Manche waren einfach gehalten, andere komplex und aus hochwertigen Materialien gefertigt. Dieses Exemplar gehört eindeutig zur letzteren Kategorie: Es weist vergoldete Buntmetallbeschläge, Hirschhorngriffschalen mit drei aufgelegten Eicheln, eine fächerförmige Parierstange mit Luftwaffe-Adler ersten Modells, eine vernickelte Klinge mit Zierätzung und eine schwarze Lederscheide mit vergoldeten Beschlägen auf. Komplettiert wird der Hirschfänger durch ein original geknotetes Luftwaffe-Offiziersportepee.
Die weiteren Bestandteile des Nachlasses
Das Ensemble umfasst einen Hut für Forstbeamte der Luftwaffe aus graugrünem Filztuch mit dunkelgrünem Hutband, einem in Metallfaden handgestickten Luftwaffe-Hoheitsadler und einem eingesteckten Gamsbart. Die Herstellerbezeichnung im Inneren lautet “A. Hasenclever Detmold gegr. 1851” in Größe 57.
Ein großes Spektiv bzw. Beobachtungsrohr für die Wildbeobachtung ergänzt den Nachlass. Dieses ausziehbare Instrument mit fünf Einschüben trägt die Herstellerbezeichnung “Busch Therar 30x A-Z.F. 721” sowie einen Luftwaffe-Hoheitsadler über der Aufschrift “Eigentum der Luftwaffe”. Im ausgezogenen Zustand misst es 96 cm, eingeschoben 28,5 cm.
Das einzelne Schulterstück eines Oberlandforstmeisters zeigt ein schweres Gold/Silbergeflecht mit grünen Durchzügen auf dunkelgrüner Samtunterlage. Die Kragenspiegel und Schulterstückunterlagen identifizierten die Dienstgattung – Schwarz stand für den Luftwaffe- und Heeresforstdienst. Oberlandforstmeister trugen geknotete Litzen mit eingeflochtenem dünnem Goldgespinst und zwei silbernen Eicheln auf den Schulterstücken.
Nachkriegsgeschichte der Rangabzeichen
Interessanterweise überdauerten die Schulterstücke der Forstverwaltung die Zeit des Nationalsozialismus. In den meisten Besatzungszonen blieben sie Teil der Uniform. Von 1949 bis 1955 waren Kragenspiegel offizieller Bestandteil der Uniform in Westdeutschland, wurden aber nach 1955 endgültig abgeschafft. Die Schulterstücke im Stil von 1942 hingegen blieben bemerkenswert lange in Gebrauch – bis 2004/2005.
Bedeutung für Sammler
Dieser Nachlass ist aus mehreren Gründen von herausragender Bedeutung. Der Forstdienst der Luftwaffe war eine spezialisierte Nischenorganisation, die beispielsweise die Bewaldung um Flugplätze pflegte und die Jagd kontrollierte. Die Kombination aus Hirschfänger, Kopfbedeckung, Beobachtungsgerät und Rangabzeichen in einem einzigen, zusammenhängenden Nachlass bietet einen seltenen und vollständigen Einblick in den Dienstalltag eines hochrangigen Forstbeamten der Luftwaffe um 1939. Die Fertigung durch Alcoso, einen der führenden Solinger Hersteller blanker Waffen, unterstreicht die Qualität dieses außergewöhnlichen Ensembles.