Reichsverband des deutschen Schuhmacherhandwerks
Das Mitgliedsabzeichen des Reichsverbandes des deutschen Schuhmacherhandwerks stellt ein faszinierendes Zeugnis der korporativen Organisation von Handwerksberufen während der Zeit des Nationalsozialismus dar. Dieses spezielle Exemplar wurde von der renommierten Firma B.H. Mayer aus Pforzheim hergestellt, einem der führenden Hersteller von Abzeichen, Medaillen und Ehrenzeichen im Deutschland des 20. Jahrhunderts.
Die systematische Organisation des Handwerks in Deutschland erfuhr nach der Machtergreifung 1933 eine grundlegende Neuordnung. Mit der Gleichschaltung aller gesellschaftlichen Bereiche wurden auch die traditionellen Handwerksverbände in das nationalsozialistische System integriert. Der Reichsstand des Deutschen Handwerks wurde als Dachorganisation geschaffen, unter der alle Handwerkszweige zusammengefasst wurden. Das Schuhmacherhandwerk, eines der ältesten und wichtigsten Handwerke Deutschlands, erhielt mit dem Reichsverband des deutschen Schuhmacherhandwerks eine eigene Vertretung innerhalb dieser Struktur.
Die Tradition des Schuhmacherhandwerks in Deutschland reicht bis ins Mittelalter zurück, als die ersten Schuhmacherzünfte gegründet wurden. Diese Zünfte regelten nicht nur die Ausbildung und Qualitätsstandards, sondern bildeten auch wichtige soziale Netzwerke. Mit der Einführung der Gewerbefreiheit im 19. Jahrhundert verloren die Zünfte zwar ihre rechtliche Monopolstellung, doch die Organisationsstrukturen blieben in Form von Innungen und Verbänden bestehen.
Das hier beschriebene Mitgliedsabzeichen wurde an einer langen Nadel getragen, was typisch für Anstecknadeln dieser Periode war. Solche Abzeichen dienten mehreren Zwecken: Sie dokumentierten die Zugehörigkeit zum jeweiligen Berufsverband, vermittelten beruflichen Stolz und Standesbewusstsein und waren zugleich ein Zeichen der Integration in das korporative System des Dritten Reiches.
Die Firma B.H. Mayer's Kunstprägeanstalt in Pforzheim war seit ihrer Gründung im Jahr 1871 durch Benedict Heinrich Mayer zu einem der bedeutendsten Hersteller von Orden, Ehrenzeichen und Abzeichen in Deutschland aufgestiegen. Pforzheim selbst hatte sich im 19. Jahrhundert zu einem Zentrum der deutschen Schmuck- und Metallindustrie entwickelt. Die Stadt wurde wegen ihrer Bedeutung für die Schmuckherstellung auch als “Goldstadt” bezeichnet. B.H. Mayer belieferte nicht nur staatliche Stellen und militärische Einrichtungen, sondern auch zahlreiche Verbände, Vereine und Organisationen mit hochwertigen Abzeichen und Ehrenzeichen.
Die Qualität der Produkte von B.H. Mayer war legendär. Das Unternehmen verwendete hochwertige Materialien und beschäftigte erfahrene Graveure und Metallhandwerker. Die Abzeichen wurden in verschiedenen Techniken hergestellt, darunter Prägung, Emaillierung und Vergoldung. Die charakteristische Herstellermarkierung auf der Rückseite der Abzeichen garantierte Authentizität und Qualität.
Während der NS-Zeit von 1933 bis 1945 erlebte die Produktion von Abzeichen, Ehrenzeichen und Auszeichnungen einen erheblichen Aufschwung. Das Regime nutzte solche Symbole systematisch zur Förderung von Loyalität und zur visuellen Darstellung der gesellschaftlichen Ordnung. Für nahezu jede Organisation, jeden Verband und jede Gliederung gab es spezifische Abzeichen. Das Tragen solcher Symbole war nicht nur Ausdruck der Mitgliedschaft, sondern auch ein Bekenntnis zum System.
Das Schuhmacherhandwerk spielte in der deutschen Wirtschaft eine wichtige Rolle, insbesondere während des Krieges, als die Versorgung mit Schuhwerk für die Zivilbevölkerung und das Militär von strategischer Bedeutung war. Die Zwangsbewirtschaftung von Leder und anderen Materialien machte das Handwerk zu einem kontrollierten und überwachten Sektor. Schuhmacher wurden als “kriegswichtig” eingestuft, was ihnen gewisse Privilegien, aber auch Verpflichtungen auferlegte.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 wurden alle nationalsozialistischen Organisationen aufgelöst. Die Handwerksorganisation musste neu aufgebaut werden, diesmal auf demokratischer Grundlage. Das traditionelle duale System der Berufsausbildung und die Kammer-Organisation des Handwerks wurden jedoch in modifizierter Form beibehalten und bilden bis heute die Grundlage der Handwerksorganisation in Deutschland.
Heute sind solche Abzeichen wichtige zeitgeschichtliche Dokumente, die Einblick in die Organisation und Selbstdarstellung von Berufsgruppen während einer diktatorischen Periode geben. Sie werden von Sammlern, Museen und historischen Forschungseinrichtungen bewahrt, nicht um das System zu glorifizieren, sondern um die Geschichte vollständig zu dokumentieren und zu verstehen. Die Firma B.H. Mayer existiert übrigens bis heute und stellt weiterhin hochwertige Orden und Ehrenzeichen her, nun allerdings für demokratische Staaten und Institutionen.