Unter den Kopfbedeckungen der preußischen Garderegimenter nimmt die Grenadiermütze in russischer Art eine einzigartige Stellung ein. Sie verkörpert wie kaum ein anderes Uniformstück die dynastischen Verbindungen zwischen dem Hause Hohenzollern und dem Hause Romanow sowie die besondere Stellung der preußischen Garde im Gefüge der kaiserlichen Armee. Das hier vorgestellte Exemplar – eine Füsiliermütze Modell 1894 für Mannschaften des 3. Füsilier-Bataillons im Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment Nr. 1 – ist ein eindrucksvolles Zeugnis dieser Tradition.
Das Regiment und seine Geschichte
Das Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment Nr. 1 wurde am 14. Oktober 1814 durch König Friedrich Wilhelm III. von Preußen gegründet und zu Ehren des russischen Zaren Alexander I. benannt, der als Regimentschef (Chef) fungierte und diese Würde von 1814 bis zu seinem Tod 1825 innehatte. Diese Namengebung unterstrich das enge Bündnis zwischen Preußen und Russland in den Befreiungskriegen gegen Napoleon. Am 18. Februar 1820 erhielt das Regiment den begehrten Gardestatus und wurde fortan in Berlin garnisoniert, wo es zu einem der prestigeträchtigsten Verbände der gesamten preußischen Armee aufstieg.
Das Regiment bewährte sich in den Deutschen Einigungskriegen von 1866 und 1870/71. Besonders hervorzuheben ist die Schlacht von St. Privat am 18. August 1870, in der das Regiment 820 Gefallene und Verwundete zu beklagen hatte, sowie das Gefecht bei Le Bourget am 30. Oktober 1870. Im Ersten Weltkrieg kämpfte das Regiment an der Westfront und erlitt insgesamt 3.728 Verluste – ein Zeugnis der Intensität der Kämpfe, denen diese Eliteeinheit ausgesetzt war.
Die Verleihung der Grenadiermützen 1894
Im März 1894 verlieh Kaiser Wilhelm II. dem Regiment die Grenadiermützen in russischer Art. Diese Mützen waren dem Regiment nicht neu angefertigt worden, sondern hatten zuvor dem 1. Garde-Regiment zu Fuß gehört, das sie seit 1824 getragen hatte. Die Mützen selbst waren nach dem Vorbild der Kopfbedeckungen des russischen Leibgarde-Regiments “Pawlow” gestaltet worden – ein Geschenk Zar Alexanders I. an die preußische Garde, das die enge Verbundenheit beider Dynastien symbolisierte. Am 14. März 1894 paradierte das Regiment erstmals in den neuen Mützen vor dem Kaiser, der sie als Zeichen des Dankes für die Disziplin und den Dienst des Regiments bezeichnete.
Da die Mützen ursprünglich vom 1. Garde-Regiment zu Fuß getragen worden waren, wiesen sie noch zwei Löcher von den entfernten “Semper Talis”-Bandeaux auf – ein Detail, das die Provenienz dieser außergewöhnlichen Kopfbedeckungen bezeugte.
Die Unterscheidung nach Bataillonen
Das Modell 1894 der Grenadiermütze existierte in verschiedenen Ausführungen, die sich nach der Bataillonszugehörigkeit unterschieden. Die Mützen des I. und II. Grenadier-Bataillons waren höher gestaltet und trugen auf dem weißen Bund flammensprühende Granaten als Abzeichen. Die Mütze des III. Füsilier-Bataillons hingegen zeichnete sich durch einen kürzeren, festeren Korpus aus und trug auf dem weißen Bund statt der Granaten preußische Adler – ein markantes Unterscheidungsmerkmal, das auf den ersten Blick die Bataillonszugehörigkeit erkennen ließ. Auch die Pompons dienten der Unterscheidung: Offiziersvarianten verfügten über vergoldete und versilberte Metallbeschläge sowie feinere Materialien.
Beschreibung und Konstruktion
Die Füsiliermütze ist als hohe, nach vorn geneigte Grenadiermütze in russischem Stil gefertigt. Die Vorderseite ziert ein Messingschild mit ausgeprägtem Ogivalprofil, auf dem der Gardestern (Stern des Schwarzen Adlerordens) mit dem Wahlspruch “SUUM CUIQUE” (“Jedem das Seine”) geprägt ist, darüber die preußische Königskrone. Der Korpus besteht aus rotem Tuch (dem sogenannten Beutel) mit weißer Einfassung und weißen Litzen. Seitlich sind gewölbte Messingschuppenketten in besonderer Form an Schrauben befestigt. Auf dem weißen Bund sind seitlich und hinten preußische Adler aufgelegt, die die Zugehörigkeit zum Füsilier-Bataillon kennzeichnen. Die Rückseite trägt den preußischen Garde-Adler mit Krone auf der Tuchklappe. Das Innere ist mit einem gelaschten Lederfutter versehen und durch eine Aluminiumblech-Verstärkung stabilisiert.
Das vorliegende Exemplar stammt aus einer Fertigung um 1910 in Kammerqualität, was auf eine hochwertige Anfertigung durch Berliner Hoflieferanten hindeutet. Es ist leicht getragen, seitlich an den Knöpfen mit leichten Beschädigungen im weißen Tuch, befindet sich aber insgesamt in gutem Zustand.
Zeremonielle Verwendung
Die Grenadiermütze war keine Felddienstmütze. Sie wurde ausschließlich bei Paraden, zeremoniellen Anlässen, Schlosswachtdiensten und besonderen Besichtigungen getragen. Im Feld- und täglichen Garnisonsdienst trugen die Soldaten praktischere Kopfbedeckungen wie die Pickelhaube oder die Feldmütze. Ab 1894 wurde die Grenadiermütze auch von berittenen Offizieren, Musikern und Spielleuten getragen.
Das Ende einer Ära
Nach der deutschen Niederlage und der Abdankung Kaiser Wilhelms II. im November 1918 wurde das Regiment am 27. November 1918 demobilisiert und mit Wirkung zum 31. Dezember 1920 offiziell aufgelöst. Die verbleibenden Kräfte gingen in der 9. und 12. Kompanie des Infanterie-Regiments 9 Potsdam der neuen Reichswehr auf. Die Paradeunifomen und Grenadiermützen wurden damit obsolet und gelangten in Privatsammlungen. Ein tragisches Kapitel fügte sich hinzu, als Regimentsfahnen und Erinnerungsstücke, die in der Potsdamer Garnisonkirche aufbewahrt worden waren, bei einem alliierten Bombenangriff am 14. April 1945 zerstört wurden.
Heute zählen Grenadiermützen in Kammerqualität zu den begehrtesten Sammlerstücken preußischer Militaria, geschätzt sowohl für ihre militärhistorische Bedeutung als auch für ihre handwerkliche Qualität.