WHW - Reichsstrassensammlung Nr. 001b, Oktober 1933
Das Winterhilfswerk (WHW) gehörte zu den umfangreichsten nationalsozialistischen Propagandaorganisationen und spielte eine zentrale Rolle in der sozialpolitischen Inszenierung des Regimes. Das hier beschriebene Abzeichen aus der Reichsstraßensammlung Nr. 001b vom Oktober 1933 stellt eines der frühesten Beispiele dieser systematischen Spendenaktionen dar, die unmittelbar nach der Machtübernahme initiiert wurden.
Das Winterhilfswerk des Deutschen Volkes wurde offiziell am 13. September 1933 durch einen Aufruf Adolf Hitlers ins Leben gerufen, obwohl ähnliche Hilfswerke bereits in der Weimarer Republik existiert hatten. Der Slogan “Wir helfen gegen Hunger und Kälte” verkörperte das propagandistische Kernversprechen der Organisation: die nationalsozialistische “Volksgemeinschaft” würde für ihre bedürftigen Mitglieder sorgen. Die erste Sammlungsperiode begann bereits im Oktober 1933, was die zeitliche Einordnung dieses Abzeichens bestätigt.
Die technische Ausführung des Objekts ist charakteristisch für die frühen WHW-Abzeichen. Es besteht aus einem Weißblechabzeichen mit einem farbigen Papierbild, das durch eine Zelluloidschicht geschützt wird. Diese Konstruktion war typisch für die kostengünstige Massenproduktion, die notwendig war, um Millionen von Abzeichen herzustellen. Der Hersteller Paulmann & Crone aus Lüdenscheid gehörte zu den bedeutenden Produzenten von WHW-Abzeichen. Lüdenscheid hatte sich bereits im 19. Jahrhundert als Zentrum der deutschen Metallindustrie etabliert und war daher prädestiniert für die Herstellung solcher Massenartikel.
Die Reichsstraßensammlungen waren systematisch organisierte Spendenaktionen, bei denen freiwillige und oft auch unter Druck gesetzte Sammler mit Sammelbüchsen durch die Straßen zogen. Als Gegenleistung für eine Spende erhielten die Bürger ein kleines Abzeichen, das sie sichtbar an der Kleidung tragen sollten. Dies diente einem doppelten Zweck: Einerseits war es ein “Beleg” für die geleistete Spende, andererseits übte es sozialen Druck auf jene aus, die kein Abzeichen trugen und damit als “Gemeinschaftsfremde” stigmatisiert werden konnten.
Die Nummerierung als “Nr. 001b” weist darauf hin, dass dies zu den allerersten systematisch katalogisierten Sammlungsaktionen gehörte. Das “b” deutet auf eine Variante innerhalb der ersten Sammlungsserie hin, was für die frühe Experimentierphase mit verschiedenen Designs und Herstellungsverfahren typisch war.
Das WHW entwickelte sich schnell zu einer gigantischen Organisation. Zwischen 1933 und 1945 wurden schätzungsweise mehrere Milliarden Reichsmark gesammelt. Die Teilnahme war formal freiwillig, aber der soziale und später auch politische Druck zur Beteiligung war erheblich. Arbeitgeber führten Listen über die Spendenbereitschaft ihrer Angestellten, und fehlendes Engagement konnte berufliche Konsequenzen haben.
Die Joseph Goebbels unterstellte Propagandamaschinerie nutzte das WHW geschickt zur Inszenierung der nationalsozialistischen “Volksgemeinschaft”. Prominente wurden zu Sammlungen herangezogen, aufwendige Werbemaßnahmen organisierten die Aktionen, und die Presse berichtete ausführlich über die angeblichen Erfolge. Die Abzeichen selbst wurden zu begehrten Sammelobjekten, wobei verschiedene Serien mit unterschiedlichen Motiven – von historischen Persönlichkeiten über Trachten bis zu Märchenfiguren – herausgegeben wurden.
Kritisch ist anzumerken, dass die tatsächliche Verwendung der gesammelten Gelder oft intransparent blieb. Während zweifellos auch Bedürftige unterstützt wurden, flossen erhebliche Mittel in die Aufrüstung und andere Staatszwecke. Das WHW war somit nicht nur eine karitative Organisation, sondern ein integrales Instrument nationalsozialistischer Herrschaftssicherung und Kriegsvorbereitung.
Aus militärhistorischer Perspektive sind diese frühen WHW-Abzeichen von besonderem Interesse, da sie die Mobilisierung der Heimatfront bereits in Friedenszeiten dokumentieren. Sie zeigen, wie das NS-Regime von Anfang an die Zivilbevölkerung in ein System von Pflichten und Kontrolle einband, das später für die Kriegswirtschaft essentiell werden sollte.
Der Erhaltungszustand 2 (sehr gut) dieses Exponats ist bemerkenswert für ein nahezu 90 Jahre altes Objekt aus vergänglichen Materialien wie Papier und Zelluloid, was auf sachgerechte Aufbewahrung hinweist.