Deutsche Reichsbahn - große Geschenkplakette zum 25 jährigen Dienstjubiläum
Diese Geschenkplakette der Deutschen Reichsbahn repräsentiert ein bemerkenswertes Zeugnis der nationalsozialistischen Arbeitswelt und der korporativen Anerkennungskultur während des Dritten Reiches. Die am 1. September 1939 – dem Tag des deutschen Überfalls auf Polen und somit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs – überreichte Ehrung dokumentiert die Verschmelzung von beruflicher Tradition und nationalsozialistischer Ideologie innerhalb der größten Verkehrsorganisation des Deutschen Reiches.
Die Deutsche Reichsbahn war seit ihrer Gründung 1920 als Staatsunternehmen das Rückgrat der deutschen Verkehrsinfrastruktur. Mit über 1,2 Millionen Beschäftigten in den 1930er Jahren gehörte sie zu den größten Arbeitgebern Europas. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 wurde die Reichsbahn systematisch in das NS-Herrschaftssystem integriert und spielte eine zentrale Rolle bei der Aufrüstung und später bei den Kriegsvorbereitungen.
Die auf der Plakette genannte Fachschaftsgruppe Lokomotivführer war Teil der umfassenden Deutschen Arbeitsfront (DAF), die nach der Zerschlagung der freien Gewerkschaften 1933 als nationalsozialistische Einheitsorganisation geschaffen wurde. Die DAF gliederte sich in verschiedene Fachschaften und Berufsstände, wobei die Lokomotivführer als besonders wichtige Berufsgruppe galten. Diese hochqualifizierten Fachkräfte waren für den Betrieb der deutschen Eisenbahn unverzichtbar und genossen entsprechendes Ansehen.
Die Ikonographie der Plakette ist charakteristisch für die NS-Zeit: Der Hoheitsadler mit Hakenkreuz symbolisiert die staatliche Autorität und die nationalsozialistische Herrschaft. Die Darstellung eines elektrischen Triebwagens und einer großen Lokomotive mit Hakenkreuz verbindet technologischen Fortschritt mit politischer Symbolik. Die Reichsbahn war stolz auf ihre Modernisierungsbemühungen, insbesondere auf die Elektrifizierung wichtiger Strecken und die Entwicklung moderner Schnelltriebwagen wie des berühmten “Fliegenden Hamburgers”, der ab 1933 verkehrte.
Die zeitliche Spanne von 1912 bis 1937 dokumentiert eine 25-jährige Dienstzeit, die sowohl das Kaiserreich, die Weimarer Republik als auch die NS-Zeit umfasste. Hermann Duggen, der Empfänger dieser Ehrung, begann seine Laufbahn noch während der wilhelminischen Ära und erlebte die tiefgreifenden politischen und gesellschaftlichen Umbrüche des 20. Jahrhunderts. Die Ortsgruppe Kiel verweist auf den wichtigen Eisenbahnknotenpunkt und Marinestützpunkt an der Ostsee.
Solche Jubiläumsplaketten waren im deutschen Beamtenwesen seit dem 19. Jahrhundert üblich und dienten der Würdigung langjähriger Betriebstreue. Im NS-Staat erhielten diese Ehrungen jedoch eine zusätzliche ideologische Dimension. Die Verleihung erfolgte oft bei feierlichen Veranstaltungen, bei denen die Verbindung von Arbeit, Volksgemeinschaft und Führertreue beschworen wurde. Das 25-jährige Dienstjubiläum galt als besondere Schwelle, die mit entsprechenden Ehrungen und oft auch materiellen Vorteilen verbunden war.
Das Datum der Überreichung, der 1. September 1939, verleiht der Plakette eine zusätzliche historische Bedeutung. An diesem Tag begann mit dem deutschen Angriff auf Polen der Zweite Weltkrieg. Die Deutsche Reichsbahn spielte in den folgenden Kriegsjahren eine zentrale und tragische Rolle bei der Truppenverlegung, der Kriegswirtschaft und – in dunkelster Weise – bei der Deportation von Millionen Menschen in Konzentrations- und Vernichtungslager.
Die kunsthandwerkliche Ausführung der Plakette – versilbert und getönt – entspricht der Qualität offizieller Ehrengaben jener Zeit. Die Präsentation im schwarzen Holzrahmen mit Wandaufhängung zeigt, dass diese Objekte zur dauerhaften Ausstellung in der Wohnung des Geehrten bestimmt waren. Sie dienten somit als ständige Erinnerung an die Verbindung zwischen individuellem Arbeitsleben und nationalsozialistischem Staat.
Heute sind solche Objekte wichtige historische Quellen für die Erforschung der Alltagskultur im Nationalsozialismus, der Rolle von Berufsorganisationen und der Durchdringung aller Lebensbereiche mit NS-Symbolik. Sie dokumentieren, wie das Regime selbst traditionelle Anerkennungsrituale für seine Zwecke instrumentalisierte und die Loyalität der Arbeitnehmer zu mobilisieren versuchte.