Festschrift 75er - Regimentsappell in Bremen 19. u. 20. Sept. 1936,
Festschrift zum 75er-Regimentsappell in Bremen 1936: Traditionspflege und militärische Erinnerungskultur in der Zwischenkriegszeit
Die vorliegende Festschrift dokumentiert einen bedeutenden Regimentsappell des ehemaligen Infanterie-Regiments Nr. 75, der am 19. und 20. September 1936 in Bremen stattfand. Solche Treffen ehemaliger Regimentskameraden waren in der Zwischenkriegszeit von besonderer Bedeutung und spiegeln die komplexe militärische Erinnerungskultur der Weimarer Republik und der frühen NS-Zeit wider.
Das Infanterie-Regiment Nr. 75 war ein traditionsreiches Verband der preußischen Armee, dessen Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert zurückreichten. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Auflösung der kaiserlichen Armee im Zuge des Versailler Vertrags von 1919 suchten viele ehemalige Soldaten den Kontakt zu ihren früheren Kameraden. Die Regimentstreffen erfüllten dabei mehrere Funktionen: Sie dienten der Pflege von Kameradschaft, der Bewahrung militärischer Traditionen und der kollektiven Erinnerung an gemeinsam durchlebte Kriegserfahrungen.
Die Festschrift aus dem Verlag Hauschild Bremen umfasst 75 Seiten und ist reich bebildert, was für solche Publikationen der 1930er Jahre typisch war. Diese Druckerzeugnisse dokumentierten üblicherweise das Programm des Treffens, enthielten Grußworte, historische Abrisse der Regimentsgeschichte, Totenlisten gefallener Kameraden und fotografische Dokumentationen früherer Treffen oder Kriegsereignisse. Die umfangreiche Bebilderung sollte die emotionale Bindung der Veteranen an ihre militärische Vergangenheit verstärken.
Besonders bemerkenswert sind die beiliegenden Dokumente: ein Schreiben zur Fahrpreisermäßigung und ein Hinweisschreiben zum Ablauf des Wochenendes. Diese Details verdeutlichen die organisatorische Sorgfalt, mit der solche Veranstaltungen geplant wurden. Die Reichsbahn gewährte für Veteranentreffen häufig Sonderkonditionen, was die staatliche Unterstützung solcher Zusammenkünfte unterstreicht. Das Jahr 1936 markiert dabei eine Phase der zunehmenden Instrumentalisierung militärischer Traditionen durch das NS-Regime.
Die Wahl Bremens als Veranstaltungsort war vermutlich der historischen Verbindung des Regiments zur Region geschuldet. Viele Infanterieregimenter der preußischen Armee hatten feste Garnisonsstandorte und rekrutierten ihre Mannschaften vorwiegend aus dem lokalen Umfeld. Bremen als bedeutende Hafenstadt hatte eine lange militärische Tradition und war Standort verschiedener militärischer Einrichtungen.
Im Kontext der 1930er Jahre ist die Durchführung solcher Regimentstreffen auch politisch zu bewerten. Nach der Machtübernahme 1933 wurde die Pflege militärischer Traditionen gezielt gefördert. Die Nationalsozialisten erkannten den Wert solcher Veteranenverbände für die mentale Vorbereitung auf eine erneute Aufrüstung. Die Wiedereinführung der Wehrpflicht 1935 hatte bereits die Weichen für den Aufbau der Wehrmacht gestellt. Regimentstreffen dienten dabei auch der Verklärung militärischer Tugenden und der Propagierung des Soldatentums.
Die Form der Festschrift als Medium der Erinnerungskultur hatte eine lange Tradition. Bereits im Kaiserreich wurden zu Regimentsjubiläen aufwendige Publikationen erstellt. Nach dem Ersten Weltkrieg gewannen diese Schriften zusätzliche Bedeutung als Dokumente einer untergegangenen Ordnung. Sie bewahrten nicht nur militärische Fakten, sondern transportierten auch bestimmte Deutungen des Kriegserlebens und der militärischen Vergangenheit.
Der Umfang von 75 Seiten lässt auf eine substanzielle Publikation schließen, die vermutlich neben dem aktuellen Treffen auch historische Rückblicke auf die Regimentsgeschichte enthielt. Typischerweise fanden sich in solchen Festschriften Chroniken der Regimentstaten, besonders aus dem Ersten Weltkrieg, Erinnerungen einzelner Veteranen, Listen der Teilnehmer sowie Informationen über verstorbene Kameraden.
Das zweitägige Programm vom 19. bis 20. September deutet auf ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm hin. Üblich waren bei solchen Treffen militärische Zeremonien, Kranzniederlegungen an Kriegerdenkmälern, Kameradschaftsabende mit Ansprachen und geselligem Beisammensein sowie oft auch kirchliche Gottesdienste. Die genaue zeitliche Planung, dokumentiert im beiliegenden Hinweisschreiben, war notwendig, um die Teilnahme der oft aus verschiedenen Regionen anreisenden Veteranen zu koordinieren.
Heute sind solche Festschriften historische Quellen, die Einblick in die Mentalitätsgeschichte, die Erinnerungskultur und die soziale Organisation ehemaliger Soldaten geben. Sie dokumentieren, wie militärische Gemeinschaften ihre Vergangenheit konstruierten und welche Bedeutung der militärischen Tradition in verschiedenen politischen Systemen zukam. Für die Forschung zur Geschichte der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus sind sie wertvolle Zeugnisse der Kontinuitäten und Brüche in der deutschen Militärkultur des 20. Jahrhunderts.