III. Reich - Handgeschriebenes Lehrheft eines Kanonier der Flak,
Dazu Berechnungen zur Flakschiesslehre.
Handgeschrieben mit Bleistiftzeichnungen versehen. Zustand 2-
Das vorliegende handgeschriebene Lehrheft eines Kanoniers der Flak aus der Zeit des Dritten Reiches stellt ein bemerkenswertes Zeugnis der militärischen Ausbildung und des Selbststudiums während des Zweiten Weltkrieges dar. Solche persönlichen Aufzeichnungen gewähren uns heute einen unmittelbaren Einblick in die theoretische und praktische Schulung der Flakbesatzungen, die eine zentrale Rolle in der Luftverteidigung des Deutschen Reiches spielten.
Die Flak (Flugabwehrkanone) bildete das Rückgrat der deutschen Luftverteidigung zwischen 1939 und 1945. Ihre Bedeutung wuchs mit zunehmender alliierter Luftüberlegenheit stetig an. Die Ausbildung der Flakkanoniere war hochkomplex und erforderte fundierte Kenntnisse in Ballistik, Flugzeugidentifikation, Visierberechnung und technischem Gerät. Die Flakschießlehre umfasste mathematische Berechnungen zur Berechnung von Vorhaltewinkeln, Geschossflugzeiten und Zündereinstellungen – alles unter Berücksichtigung von Geschwindigkeit, Flughöhe und Kurs des angreifenden Flugzeugs.
Handgeschriebene Lehrhefte wie das vorliegende waren weit verbreitet, da gedruckte Ausbildungsmaterialien insbesondere in den späteren Kriegsjahren knapp wurden. Soldaten fertigten diese Hefte während ihrer Ausbildung in Flakartillerieschulen oder bei ihren Einheiten an. Die Integration von Bleistiftzeichnungen zu Flugzeugtypen, Fahrwerken und Tragwerken zeigt den praktischen Ansatz dieser Ausbildung: Die Kanoniere mussten feindliche Flugzeuge schnell und präzise identifizieren können, um Freund und Feind zu unterscheiden und die richtige Munition sowie Bekämpfungstaktik zu wählen.
Die Flugzeugidentifikation war überlebenswichtig. Bereits an Silhouetten, Motorengeräuschen und Flugverhalten mussten die Besatzungen zwischen britischen Lancaster-Bombern, amerikanischen B-17 Flying Fortress, P-51 Mustang-Jägern und zahlreichen anderen alliierten Flugzeugtypen unterscheiden können. Die Zeichnungen von Fahrwerken und Tragwerken dienten dazu, charakteristische Merkmale verschiedener Flugzeugtypen zu memorieren – ob einziehbares oder festes Fahrwerk, Tief- oder Schulterdecker, ein- oder zweimotorige Ausführung.
Die Flakschießlehre selbst war eine hochmathematische Disziplin. Die Berechnungen umfassten die Ermittlung des Vorhaltewinkels, also jenes Winkels, um den die Waffe vor das bewegte Ziel schwenken musste, damit Geschoss und Flugzeug sich im selben Punkt treffen würden. Faktoren wie Geschossgeschwindigkeit (bei der 8,8-cm-Flak etwa 840 m/s), Zielgeschwindigkeit (bei Bombern 400-500 km/h), Zielentfernung, Wind und sogar die Erdrotation mussten berücksichtigt werden. Für diese Berechnungen wurden zunehmend mechanische Kommandogeräte und ab 1943 auch erste elektronische Rechenanlagen eingesetzt, doch das theoretische Verständnis blieb unerlässlich.
Die Ausbildung zum Flakkaronier dauerte mehrere Monate und fand in spezialisierten Schulen wie der Flakartillerieschule in Rerik oder anderen Standorten statt. Die Ausbildung umfasste theoretische Phasen mit Unterricht in Mathematik, Physik, Flugzeugkunde und Waffenkunde sowie praktische Übungen am Gerät. Gerade in den späteren Kriegsjahren wurden auch Luftwaffenhelfer – Jugendliche ab 15 Jahren – sowie RAD-Einheiten und Kriegsgefangene zur Flakbedienung herangezogen, was die Bedeutung solcher Ausbildungsmaterialien noch verstärkte.
Die Wehrmacht setzte verschiedene Flakkalibertypen ein: Die leichte Flak (2 cm, 3,7 cm) für niedrig fliegende Ziele, die mittlere Flak (5 cm) und vor allem die schwere Flak mit dem berühmten 8,8-cm-Geschütz (Flak 18, 36 und 37) sowie die 10,5-cm- und 12,8-cm-Geschütze für große Höhen. Jedes Kaliber erforderte spezifische Berechnungsmethoden und Handhabungstechniken.
Solche handschriftlichen Lehrhefte sind heute seltene zeitgeschichtliche Dokumente. Sie dokumentieren nicht nur den Wissensstand und die Ausbildungsmethoden der Wehrmacht, sondern auch die persönliche Sorgfalt und das Engagement einzelner Soldaten. Die Qualität der Zeichnungen und die Vollständigkeit der Berechnungen variieren stark und geben Aufschluss über Bildungsstand, künstlerisches Talent und Motivation des jeweiligen Kanoniers.
Aus militärhistorischer Perspektive ermöglichen solche Dokumente Einblicke in den Alltag der Flakbesatzungen, die sowohl an der Heimatfront in der Reichsluftverteidigung als auch an allen Fronten eingesetzt wurden. Sie belegen die zunehmende Technisierung der Kriegsführung und die Notwendigkeit hochqualifizierter Spezialisten selbst auf Ebene des einfachen Kanoniers.