Preußen 1. Weltkrieg Pickelhaube für einen Feldwebel in einem Reserve-Infanterie-Regiment

Um 1914. Lederhelm, komplett mit allen Beschlägen. Vorne der Linienadler in der Ausführung für Offiziere, mit dem Devisenband «Mit Gott für Koenig und Vaterland» und auch aufgelegtem Landwehr- bzw. Reservekreuz. Flache Schuppenketten an Knopf 91, beiden Kokarden in der Mannschaftsausführung. Der Teller für Mannschaften mit Kugelkopfsplinten, der Hals jedoch wie für Offiziere mit Perlrand, die Spitze abnehmbar. Innen mit braunem Schweißband und hellbeigem Seidenripsfutter, der Vorderschirm grün und der Nackenschirm rot gefüttert. In der Glocke handschriftlich die Größe «54». Ein alt verschlossenes Doppelloch. Zustand 2.
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1.600,00

Preußen 1. Weltkrieg Pickelhaube für einen Feldwebel in einem Reserve-Infanterie-Regiment

Die Pickelhaube für Feldwebel in Reserve-Infanterie-Regimentern des Ersten Weltkriegs repräsentiert eine faszinierende Übergangsphase in der preußischen Militärausrüstung. Diese spezielle Helmform vereint Elemente verschiedener Rangstufen und Verwendungszwecke, was sie zu einem bemerkenswerten Studienobjekt der deutschen Militärgeschichte macht.

Die Pickelhaube wurde 1842 in der preußischen Armee eingeführt und entwickelte sich schnell zum Symbol deutscher Militärmacht. Der Name leitet sich von der charakteristischen Spitze (Pickel) ab, die ursprünglich als Schutz gegen Säbelhiebe dienen sollte. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs hatte sich die Pickelhaube durch zahlreiche Modifikationen und Varianten weiterentwickelt.

Der vorliegende Helm zeigt die typischen Merkmale eines Unteroffiziermodells aus der Zeit um 1914. Die Kombination verschiedener Ausstattungsmerkmale ist charakteristisch für die Rangstufe eines Feldwebels in einem Reserve-Infanterie-Regiment. Der Feldwebel war der höchste Unteroffiziersrang und nahm eine Schlüsselposition zwischen Mannschaften und Offizieren ein.

Der Linienadler in Offiziersausführung am vorderen Helmschild trägt das bedeutsame Devisenband "Mit Gott für König und Vaterland", den preußischen Wahlspruch, der die monarchische Treue und religiöse Überzeugung des preußischen Militärwesens verkörperte. Das aufgelegte Landwehr- bzw. Reservekreuz kennzeichnet eindeutig die Zugehörigkeit zu einer Reserveeinheit. Diese Kreuze wurden nach den Armeeverordnungen von 1897 und 1899 für Landwehr- und Reserveformationen vorgeschrieben.

Die flachen Schuppenketten sind an Knopf 91 befestigt, einer Standardausführung für preußische Infanteriehelme. Die beiden Kokarden in Mannschaftsausführung zeigen die schwarz-weiße preußische Kokarde und die schwarz-weiß-rote Reichskokarde, eingeführt nach der Reichsgründung 1871. Die Verwendung von Mannschaftskokarden bei sonst teilweise offiziersähnlicher Ausstattung unterstreicht den Zwischenstatus der Feldwebel.

Besonders bemerkenswert ist die Kombination des Tellers für Mannschaften mit Kugelkopfsplinten und des Halses mit Perlrand wie für Offiziere. Diese Mischung war typisch für höhere Unteroffiziersränge und spiegelt deren Sonderstellung wider. Die abnehmbare Spitze war ein praktisches Merkmal, das die Lagerung und den Transport erleichterte.

Das Innenfutter zeigt die für diese Zeit übliche hochwertige Verarbeitung: ein braunes Schweißband, hellbeiges Seidenripsfutter, sowie die charakteristische farbige Auskleidung der Schirme - grün am Vorderschirm und rot am Nackenschirm. Diese Farbgebung war in den preußischen Bekleidungsvorschriften festgelegt.

Die handschriftliche Größenangabe "54" in der Glocke entspricht dem deutschen Hutgrößensystem und war eine übliche Praxis zur Identifizierung der Kopfgröße des Trägers. Das erwähnte "alt verschlossene Doppelloch" könnte auf frühere Modifikationen oder Reparaturen hinweisen, die während der Verwendungszeit vorgenommen wurden.

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde schnell deutlich, dass die Pickelhaube für den modernen Grabenkrieg ungeeignet war. Die auffällige Silhouette machte Soldaten zu leichten Zielen, und der Lederhelm bot keinen ausreichenden Schutz gegen Granatsplitter. Ab 1915 wurden zunehmend feldgraue Stoffüberzüge verwendet, und 1916 begann die Einführung des Stahlhelms M1916, der die Pickelhaube an der Front ablöste.

Dennoch blieb die Pickelhaube während des gesamten Krieges in Etappeneinheiten, bei Reserveformationen in der Heimat und für zeremonielle Zwecke in Gebrauch. Helme wie das vorliegende Exemplar wurden wahrscheinlich im Heimatbereich oder bei Ausbildungseinheiten getragen.

Die Reserve-Infanterie-Regimenter spielten eine entscheidende Rolle in der deutschen Kriegsführung. Bei Kriegsausbruch wurden zahlreiche neue Reserveeinheiten aufgestellt, bemannt von älteren Reservisten und ausgebildeten Wehrpflichtigen. Die Feldwebel dieser Einheiten waren oft erfahrene Soldaten, die bereits ihre aktive Dienstzeit absolviert hatten und nun als Rückgrat der schnell expandierenden Armee dienten.

Heute sind solche Pickelhauben bedeutende militärhistorische Objekte, die Einblick in die komplexe Rangstruktur, die handwerkliche Qualität und die symbolische Bedeutung preußischer Militärtraditionen geben. Sie dokumentieren eine Epoche des Übergangs zwischen traditioneller und moderner Kriegsführung.