Unter den herausragenden Objekten der militärischen Insignienkunde des Zweiten Weltkriegs nimmt der persönliche Autostander (Kfz-Stander) des Reichsmarschalls Hermann Göring eine besondere Stellung ein. Als persönliche Fahrzeugflagge des einzigen Trägers dieses höchsten militärischen Ranges im nationalsozialistischen Deutschland vereint dieses Objekt handwerkliche Meisterleistung mit einzigartiger historischer Bedeutung.
Historischer Hintergrund: Die Ernennung zum Reichsmarschall
Am 19. Juli 1940, nach dem deutschen Sieg in der Schlacht um Frankreich, hielt Adolf Hitler eine Zeremonie ab, bei der er zwölf Generäle in den neu verliehenen Rang eines Generalfeldmarschalls beförderte. Während derselben Zeremonie wurde Hermann Göring in den eigens für ihn geschaffenen Rang eines Reichsmarschalls des Großdeutschen Reiches erhoben. Der Rang des Reichsmarschalls war ein Ehrenrang, der de jure den höchsten Rang in der Wehrmacht darstellte. Diese symbolische Maßnahme unterstrich Görings Vorrang gegenüber allen anderen Wehrmachtsbefehlshabern und kam seinem Streben nach Prestige entgegen, verlieh ihm jedoch keine zusätzliche Befehlsgewalt. Hermann Göring war während des gesamten Zweiten Weltkriegs der einzige Mann, der diesen Rang innehatte.
Als Oberbefehlshaber der Luftwaffe war Göring eine zentrale Figur des NS-Regimes. Im Zuge seiner Ernennung zum Reichsmarschall wurden auch neue Insignien und persönliche Standarten eingeführt, die seinen einzigartigen Rang widerspiegelten.
Funktion und Verwendung von Kommandoflaggen
Kommandoflaggen, wie der hier vorliegende Autostander, dienten dazu, die Anwesenheit eines militärischen Führers zu kennzeichnen. Sie wurden hauptsächlich als Fahrzeugflaggen verwendet und ersetzten niemals die Truppenfahnen oder Standarten einer Einheit. Vielmehr repräsentierten sie ausschließlich den kommandierenden Offizier als dessen persönliche Fahrzeugflagge. Im Fall des Reichsmarschalls diente der Stander dazu, Görings Anwesenheit in offiziellen Fahrzeugen anzuzeigen. Die Standarten wurden von circa 1940 bis 1945 verwendet.
Gestaltung und Varianten
Es sind zwei Muster des persönlichen Standards des Reichsmarschalls bekannt. Das erste Muster wurde von Juli 1940 bis Februar 1941 verwendet und zeigte auf der Rückseite ein großes Eisernes Kreuz, das sich bis zum Rand erstreckte, sowie vier Luftwaffenadler in den Ecken. Im Februar 1941 wurde ein zweites Muster eingeführt, das das neue Design des Reichsadlers widerspiegelte. Bei diesem zweiten Muster wurde das große Eiserne Kreuz 1939 durch ein Eisernes Kreuz von etwa halber Größe ersetzt, das von einem goldenen Lorbeerkranz umgeben war.
Das vorliegende Exemplar entspricht dem nach Februar 1941 eingeführten Design mit dem Lorbeerkranz um das Eiserne Kreuz auf der Rückseite. Es handelt sich um ein handgesticktes Exemplar in quadratischer Form. Die Vorderseite zeigt auf hellblauem Grund einen goldenen nationalsozialistischen Reichsadler, der einen goldenen Kranz mit Hakenkreuz greift, hinter dem sich gekreuzte Marschallstäbe befinden. Die Rückseite zeigt das verkleinerte Eiserne Kreuz 1939, umgeben von einem goldenen Lorbeerkranz. Die Bordüre besteht von innen nach außen aus einer dünnen gelben Linie, gefolgt von einem breiteren hellblauen Streifen, in dessen Mitte sich eine Reihe gelber Lorbeerblätter und -beeren befindet. Der äußere Streifen ist golden und etwas schmaler als der blaue Streifen. In jeder Ecke befindet sich ein weiß umrandetes schwarzes Balkenkreuz.
Das Stück ist aus blauem Seidentuch gefertigt und beidseitig in Metallfäden handgestickt. Die Stickerei verwendet eine Mischung aus Bouillon-, Aluminium-, Brokat- und Garnfäden. Vergoldete Metall- und Cellonfäden bilden den Adler, versilberte Metallfäden das Eiserne Kreuz, und Gold- sowie Cellonfadenstickerei die Lorbeerbordüre. Der Stander stellt ein aufwendig gearbeitetes Kunstwerk dar.
Es existierten auch gedruckte Versionen der Reichsmarschall-Kommandoflagge, wobei das vorliegende Exemplar als handgesticktes Stück eine besonders aufwendige Ausführung darstellt.
Nachkriegsgeschichte
Das Schicksal dieses Standers ist eng mit dem Ende des Krieges und dem Fall seines Besitzers verknüpft. Am 8. Mai 1945 wurde Hermann Göring – Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Präsident des Reichstags, Chef der Gestapo, Ministerpräsident von Preußen und Hitlers designierter Nachfolger – von der US-amerikanischen Siebten Armee in Bayern gefangen genommen. Er wurde vor dem Nürnberger Tribunal angeklagt und wegen verschiedener Verbrechen gegen die Menschlichkeit für schuldig befunden. Trotz eines energischen Versuchs der Selbstrechtfertigung wurde er zum Tode durch den Strang verurteilt, nahm sich jedoch vor der Vollstreckung durch das Schlucken einer Zyankalikapsel das Leben. Er war die einzige Person, der dieser Rang während der NS-Ära verliehen wurde, und der Rang wurde nach dem Fall des nationalsozialistischen Regimes abgeschafft.
Dieser Autostander gelangte als Sammlungsstück in die Nachkriegsgeschichte und befand sich über Jahrzehnte in einer amerikanischen Sammlung. Der Stander zeugt als eines der wenigen erhaltenen Originalexemplare von der aufwendigen Insignienkultur des nationalsozialistischen Militärapparats und ist zugleich ein bedeutendes Dokument einer der dunkelsten Epochen der deutschen Geschichte.