Reichsfachschaft deutscher Hebammen ( RDH ) - Mitgliedsbrosche
Die Reichsfachschaft deutscher Hebammen (RDH) war eine nationalsozialistische Berufsorganisation, die im Rahmen der Gleichschaltung des deutschen Gesundheitswesens nach 1933 etabliert wurde. Diese Mitgliedsbrosche stellt ein faszinierendes Zeugnis der systematischen Durchdringung selbst traditioneller Berufsgruppen durch die NS-Ideologie dar.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 begann eine umfassende Reorganisation aller Berufsverbände. Das Hebammenwesen, das zuvor in verschiedenen regionalen und konfessionellen Verbänden organisiert war, wurde im Zuge der Gleichschaltungspolitik in eine einheitliche Reichsorganisation überführt. Die RDH wurde als Untergliederung der Deutschen Arbeitsfront (DAF) organisiert und unterstand letztlich dem Reichsärzteführer und dem Reichsgesundheitsführer.
Die bevölkerungspolitischen Ziele des NS-Regimes machten Hebammen zu wichtigen Funktionsträgerinnen im Rahmen der nationalsozialistischen Rassenhygiene und Bevölkerungspolitik. Sie sollten nicht nur Geburten begleiten, sondern auch erbbiologische Beobachtungen durchführen und Meldungen an die Gesundheitsämter erstatten. Das Hebammengesetz von 1938 regelte die Ausbildung, Zulassung und Pflichten der Hebammen im Deutschen Reich neu und festigte die staatliche Kontrolle über diesen Berufsstand.
Die vorliegende Mitgliedsbrosche trägt auf der Rückseite die Kennzeichnung “GES.GESCH.” (Gesetzlich Geschützt), was auf eine offizielle, rechtlich geschützte Ausführung hinweist. Solche Abzeichen wurden von autorisierten Herstellern gefertigt und dienten als sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit zur Reichsfachschaft. Das Tragen der Brosche war für Mitglieder bei offiziellen Anlässen und im Berufsleben vorgeschrieben.
Die Gestaltung solcher Mitgliedsabzeichen folgte den typischen ikonographischen Mustern der NS-Zeit. Häufig wurden Symbole der Fürsorge und Mutterschaft mit nationalsozialistischen Emblemen kombiniert. Die Reichsfachschaft deutscher Hebammen verwendete in ihrer Symbolik oft stilisierte Darstellungen, die das traditionelle Hebammenhandwerk mit der NS-Ideologie verbanden.
Die Organisationsstruktur der RDH war hierarchisch aufgebaut und umfasste Reichs-, Gau-, Kreis- und Ortsebenen. Hebammen waren verpflichtet, Mitglied zu werden, wenn sie ihren Beruf weiterhin ausüben wollten. Die Organisation veranstaltete Schulungen, Tagungen und Fortbildungen, bei denen neben fachlichen Inhalten auch die nationalsozialistische Weltanschauung vermittelt wurde.
Im Kontext der NS-Bevölkerungspolitik spielten Hebammen eine zentrale Rolle bei der Umsetzung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses von 1933 und anderer rassenideologischer Maßnahmen. Sie wurden angehalten, “erbgesunde” Geburten zu fördern und verdächtige Fälle zu melden. Diese Instrumentalisierung eines traditionellen Frauenberufs für verbrecherische Zwecke stellt einen der dunkelsten Aspekte der NS-Gesundheitspolitik dar.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 wurden alle NS-Organisationen aufgelöst. Die Entnazifizierung erfasste auch das Hebammenwesen, wobei die individuelle Verstrickung sehr unterschiedlich ausfiel. Das Berufsständische wurde in den Besatzungszonen und später in der Bundesrepublik Deutschland sowie der DDR neu organisiert.
Heute sind solche Mitgliedsbroschen wichtige zeitgeschichtliche Dokumente, die die systematische Durchdringung aller Lebensbereiche durch die NS-Diktatur dokumentieren. Sie dienen in Museen, Sammlungen und der historischen Forschung als Anschauungsmaterial für die Gleichschaltungspolitik und die Instrumentalisierung von Berufsgruppen im Nationalsozialismus.