Württemberg Schirmmütze für einen Offizier Infanterie

Um 1880/90. Die Schirmmütze aus dunkelblauem Stoff in einer hohen Tellerform mit kurzem Schirm, rotem Bund und wulstigem rotem Vorstoß, vorne die württembergische Landeskokarde in der Ausführung für Offiziere. Innen mit schwarzem Lederschweißband und violettem Wachstuchfutter mit Hersteller «...Falkenstein Ludwigsburg». Größe 56. Zustand 2.
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450,00

Württemberg Schirmmütze für einen Offizier Infanterie

Die vorliegende württembergische Schirmmütze für einen Infanterieoffizier aus der Zeit um 1880/90 repräsentiert einen wichtigen Zeitabschnitt in der Entwicklung der deutschen Militäruniformen während des Deutschen Kaiserreichs. Nach der Reichsgründung 1871 behielten die einzelnen Bundesstaaten wie das Königreich Württemberg ihre eigenen militärischen Traditionen und Uniformvorschriften bei, was sich besonders in den Distinktionen und Kokarden manifestierte.

Die charakteristische Form dieser Schirmmütze, auch Tellerform genannt, war typisch für die deutschen Infanterieoffiziere der 1880er und 1890er Jahre. Diese Kopfbedeckung unterschied sich deutlich von der preußischen Pickelhaube und wurde vor allem für den Dienst außerhalb der Paradeuniform getragen. Der dunkelblaue Stoff entsprach den württembergischen Uniformvorschriften für die Infanterie, während der rote Bund und rote Vorstoß die Waffengattung kennzeichneten. In Württemberg trugen Infanterieeinheiten diese roten Distinktionsfarben, während andere Waffengattungen unterschiedliche Farbkombinationen aufwiesen.

Die württembergische Landeskokarde in Offizierausführung auf der Front der Mütze ist ein besonders bedeutendes Merkmal. Diese Kokarde in den württembergischen Landesfarben Schwarz und Rot unterschied sich von der preußischen schwarz-weiß-roten Reichskokarde und symbolisierte die Eigenstaatlichkeit Württembergs innerhalb des Deutschen Reiches. Offiziere trugen aufwendiger gestaltete Kokarden als Mannschaften und Unteroffiziere, oft mit Metallfassungen oder zusätzlichen Verzierungen.

Der Hersteller Falkenstein aus Ludwigsburg war einer der renommierten württembergischen Militäreffekten-Lieferanten seiner Zeit. Ludwigsburg, als ehemalige Residenzstadt und wichtiger Garnisonsstandort mit bedeutenden militärischen Einrichtungen, beherbergte mehrere spezialisierte Handwerksbetriebe für Militärbekleidung und Ausrüstung. Diese Firmen belieferten sowohl Offiziere als auch die Truppenverwaltung mit hochwertigen Uniformteilen.

Die Epoche der 1880er und 1890er Jahre war militärhistorisch bedeutsam für das Deutsche Reich. Nach dem siegreichen Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 befand sich das Reich in einer Phase der Konsolidierung seiner militärischen Strukturen. Die württembergische Armee behielt als XIII. (Königlich Württembergisches) Armeekorps ihre organisatorische Eigenständigkeit, unterstand aber in Kriegszeiten dem preußischen Oberkommando. Diese Zeit war geprägt von Reformbestrebungen in Ausbildung, Bewaffnung und Organisation, während gleichzeitig die traditionellen Formen und Zeremonien bewahrt wurden.

Die Schirmmütze selbst hatte sich aus früheren Kopfbedeckungsformen entwickelt und wurde zunehmend zur Standard-Dienstmütze für Offiziere. Im Gegensatz zu den unbequemen und unpraktischen Pickelhauben bot sie mehr Tragekomfort für den Alltags- und Garnisonsdienst. Die hohe Tellerform dieser Periode wurde in späteren Jahren allmählich niedriger und praktischer gestaltet, was die kontinuierliche Entwicklung der Militärmoden widerspiegelt.

Das schwarze Lederschweißband und das violette Wachstuchfutter zeigen die qualitätvolle Verarbeitung dieser Offizierskopfbedeckung. Offiziere mussten ihre Uniformen selbst beschaffen und achteten auf hochwertige Materialien und sorgfältige Verarbeitung. Das Wachstuchfutter diente dem Schutz des Stoffes vor Schweiß und Feuchtigkeit und verlängerte die Lebensdauer der Mütze erheblich.

Die Größe 56 entspricht dem deutschen Hutgrößensystem, das auf dem Kopfumfang in Zentimetern basiert. Diese Standardisierung war wichtig für die Massenproduktion von Militäreffekten, auch wenn Offiziere oft individuell angepasste Stücke erhielten.

Württemberg als Königreich besaß eine stolze militärische Tradition, die bis ins Mittelalter zurückreichte. Im 19. Jahrhundert modernisierte sich die württembergische Armee nach napoleonischen und später preußischen Vorbildern. Die württembergischen Truppen kämpften in den Einigungskriegen an der Seite Preußens und erwarben sich einen guten Ruf für ihre militärische Leistungsfähigkeit.

Solche Uniformstücke dokumentieren nicht nur die militärische Mode ihrer Zeit, sondern auch die politischen Strukturen des Deutschen Kaiserreichs mit seiner föderalen Organisation. Jedes Königreich und jeder Bundesstaat pflegte seine eigenen Traditionen, Uniformen und Distinktionen, was zu einer bemerkenswerten Vielfalt innerhalb der deutschen Streitkräfte führte. Diese Vielfalt wurde erst mit dem Ende der Monarchien 1918 aufgehoben.

Für Sammler und Historiker sind solche Originalstücke von unschätzbarem Wert, da sie authentische Zeugnisse der materiellen Kultur des Militärs im späten 19. Jahrhundert darstellen. Sie ermöglichen es, die Entwicklung der Uniformierung, die soziale Stellung der Offiziere und die handwerklichen Fertigkeiten der damaligen Zeit zu studieren.