Zaristisches Rußland: Paar Büsten des Zaren Nikolaus II. und seiner Gattin Alexandra Fjodorowna

um 1900. Es handelt sich hierbei um 2 Geschenk-Bonbonieren aus weißem Opalglas in Form des Zarenpaares, hergestellt von "Bonbons John Tavernier", . Höhe jeweils ca. 31 cm. Sehr schöne Darstellung des Zaren in Husarenuniform mit Ordensschmuck, die Zaren mit schönem Ballkleid und Halsschmuck. Beide Büsten mit geprägter Beschriftung "Tsar Nicolas II" bzw. "La Tsarine", auf dem Sockel jeweils  "Bonbons John Tavernier". Die Büsten sind hohl gearbeitet und waren früher mit Bonbons gefüllt. Zustand 2. Sehr dekorativ.
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1.650,00

Zaristisches Rußland: Paar Büsten des Zaren Nikolaus II. und seiner Gattin Alexandra Fjodorowna

Die vorliegenden Bonbonieren in Form von Büsten des Zaren Nikolaus II. und seiner Gemahlin Alexandra Fjodorowna repräsentieren eine faszinierende Verbindung von kommerzieller Produktgestaltung, politischer Symbolik und der Allgegenwart des russischen Kaiserhauses um die Jahrhundertwende. Hergestellt von der renommierten Firma Bonbons John Tavernier um 1900, veranschaulichen diese Objekte die Popularität und internationale Verbreitung des Kultes um die Romanow-Dynastie in den letzten Jahrzehnten ihrer Herrschaft.

Historischer Kontext der Romanow-Dynastie

Nikolaus II. (1868-1918) bestieg 1894 den russischen Thron und sollte der letzte Zar des Russischen Reiches werden. Seine Herrschaft war geprägt von innenpolitischen Spannungen, gescheiterten Militärkampagnen wie dem Russisch-Japanischen Krieg (1904-1905) und wachsender revolutionärer Unruhe. Dennoch genoss das Zarenpaar, besonders in den ersten Regierungsjahren, große Popularität im In- und Ausland. Die Hochzeit mit Prinzessin Alix von Hessen-Darmstadt, die nach ihrer Konversion zur russisch-orthodoxen Kirche den Namen Alexandra Fjodorowna annahm, wurde 1894 als romantische Verbindung wahrgenommen.

Kommerzielle Verehrung und Personenkult

Die Verwendung kaiserlicher Bildnisse für kommerzielle Zwecke war im späten 19. Jahrhundert weit verbreitet. Firmen wie John Tavernier, ein französisch-belgischer Süßwarenhersteller mit internationaler Reichweite, nutzten die Popularität gekrönter Häupter, um ihre Produkte zu vermarkten. Diese Praxis war besonders ausgeprägt bei bedeutenden dynastischen Ereignissen wie Krönungen, Jubiläen oder Staatsbesuchen. Die Darstellung des Zaren in Husarenuniform mit Ordensschmuck verweist auf seine militärische Rolle als Oberbefehlshaber und verkörpert die traditionelle Verbindung zwischen Militär und Monarchie im zaristischen Russland.

Materialität und Herstellungstechnik

Die Wahl von weißem Opalglas als Material unterstreicht den luxuriösen Charakter dieser Bonbonieren. Opalglas, auch Milchglas genannt, war ein beliebtes Material für dekorative Objekte der Belle Époque. Die französische und böhmische Glasindustrie hatten um 1900 eine hohe technische Perfektion erreicht. Die hohlen Büsten, die ursprünglich mit Bonbons gefüllt waren, verbanden ästhetischen Anspruch mit praktischer Funktion. Nach dem Verzehr der Süßigkeiten blieben die Büsten als dekorative Andenken erhalten, was ihre langfristige Wirkung als Werbeträger sicherte.

Ikonographie und Darstellung

Die Darstellung der Zarin in elegantem Ballkleid mit Halsschmuck entspricht der zeitgenössischen Bildsprache höfischer Repräsentation. Alexandra Fjodorowna galt als Schönheit und Mode-Ikone ihrer Zeit, auch wenn sie später aufgrund ihrer deutschen Herkunft und ihres Einflusses auf den Zaren zunehmend unpopulär wurde. Die geprägte Beschriftung “Tsar Nicolas II” und “La Tsarine” verwendet bezeichnenderweise die französische Sprache, die traditionelle Diplomatiesprache und Hofsprache des russischen Adels.

Kulturelle Bedeutung

Diese Bonbonieren sind Zeugnisse einer Epoche, in der Monarchien noch unangefochten schienen und kommerziell vermarktet wurden. Sie dokumentieren die internationale Faszination für das russische Zarenhaus vor dem Ersten Weltkrieg und der Russischen Revolution. Gleichzeitig zeigen sie die zunehmende Demokratisierung von Luxusgütern: Was einst nur der Elite vorbehalten war – Portraits der Herrscherfamilie – konnte nun als süße Ware erworben werden.

Sammlerwert und historische Relevanz

Heute sind solche Objekte seltene Sammlerstücke, die mehrere Sammelgebiete berühren: Militaria (aufgrund der Uniformdarstellung und Orden), Romanow-Memorabilia, historische Verpackungen und dekoratives Glas. Ihre Erhaltung ist oft problematisch, da sie als Gebrauchsgegenstände konzipiert waren. Vollständige Paare wie das beschriebene sind besonders rar, da die Objekte häufig getrennt wurden. Die tragische Geschichte der Romanow-Familie, die 1918 in Jekaterinburg ermordet wurde, verleiht diesen harmlosen Belle-Époque-Objekten eine melancholische historische Tiefe.