III. Reich - Deutsche Gaue - Raumbildalbum

Diessen, Raumbildverlag Schönstein, 1938, gebundene Ausgabe, Halbleineneinband, 191 Seiten, 200 Raumbildern, komplett mit Brille, Folieneinband, dieser leicht berieben rückseitig kleine Anhaftungen Zustand 2.
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III. Reich - Deutsche Gaue - Raumbildalbum

Das Raumbildalbum “Deutsche Gaue” aus dem Jahr 1938 stellt ein faszinierendes Beispiel der nationalsozialistischen Propaganda- und Bildmedien dar, die in der Zeit des Dritten Reiches zur Visualisierung und Ideologisierung des deutschen Raumes eingesetzt wurden. Herausgegeben vom Raumbildverlag Schönstein in Diessen am Ammersee, kombinierte dieses Werk modernste 3D-Bildtechnologie mit politisch-geografischer Darstellung der deutschen Verwaltungseinheiten.

Die Raumbildtechnik, auch als Stereoskopie bekannt, war bereits im 19. Jahrhundert entwickelt worden und erlebte in den 1920er und 1930er Jahren eine Renaissance. Diese Technik erzeugt durch zwei leicht versetzte Bilder einen räumlichen Eindruck, wenn sie durch eine spezielle Brille betrachtet werden. Das vorliegende Album enthält 200 Raumbilder, was für die Zeit eine beachtliche Sammlung darstellt, und wurde komplett mit der notwendigen Betrachtungsbrille ausgeliefert.

Der Begriff “Gau” hatte im Dritten Reich eine spezifische politisch-administrative Bedeutung. Nach der Machtübernahme 1933 reorganisierten die Nationalsozialisten die Verwaltungsstruktur des Deutschen Reiches. Die Gaue waren die Hauptverwaltungseinheiten der NSDAP und wurden zunehmend auch zu staatlichen Verwaltungseinheiten. 1938, dem Erscheinungsjahr dieses Albums, existierten bereits 32 Gaue im Altreich, eine Zahl, die sich durch die territoriale Expansion weiter erhöhen sollte.

Der Raumbildverlag Schönstein in Diessen war einer der führenden Verlage für stereoskopische Publikationen in Deutschland. Die Verlagsbranche wurde nach 1933 zunehmend gleichgeschaltet und in den Dienst der nationalsozialistischen Propaganda gestellt. Solche Bildbände dienten nicht nur der Unterhaltung, sondern waren bewusst als Instrumente zur Vermittlung der NS-Ideologie konzipiert. Sie sollten eine emotionale Bindung an die “deutsche Heimat” und das “Vaterland” schaffen.

Das Jahr 1938 war ein Schlüsseljahr für das Dritte Reich. Es markierte die forcierte Expansionspolitik mit dem Anschluss Österreichs im März und der Annexion des Sudetenlandes im Oktober nach dem Münchner Abkommen. Die Veröffentlichung eines Albums über die deutschen Gaue in diesem Jahr muss im Kontext dieser territorialen Veränderungen gesehen werden. Es war Teil der umfassenden Bestrebungen, die neue geografische und politische Ordnung visuell zu dokumentieren und zu legitimieren.

Die technische Ausstattung des Albums mit 191 Seiten und einem Halbleineneinband zeigt, dass es sich um eine hochwertige Produktion handelte. Halbleinen war eine beliebte Bindungsform für repräsentative Bände, die Haltbarkeit mit einem gewissen ästhetischen Anspruch verband. Der Einband kombinierte einen Leinenrücken mit bedruckten oder beklebten Deckeln, was sowohl praktisch als auch kostengünstig war.

Die Bildthemen solcher Raumbildalben umfassten typischerweise Landschaften, Städteansichten, Architektur, Volkstrachten und Brauchtum. Sie vermittelten ein idealisiertes Bild des deutschen Raumes, das die “Volksgemeinschaft” und die vermeintliche kulturelle Einheit hervorhob. Die dreidimensionale Darstellung verstärkte dabei den immersiven Effekt und sollte beim Betrachter das Gefühl erzeugen, selbst durch diese Landschaften zu reisen.

Aus medienhistorischer Perspektive sind solche Raumbildalben wichtige Quellen für die Erforschung der visuellen Kultur des Nationalsozialismus. Sie zeigen, wie moderne Technologie für ideologische Zwecke instrumentalisiert wurde. Die Stereoskopie, ursprünglich ein Medium der Wissenschaft und Unterhaltung, wurde zum Werkzeug der politischen Indoktrination.

Die Erhaltung solcher Objekte mit der originalen Brille ist besonders wertvoll, da diese oft verloren gingen. Die Brille, meist eine einfache Konstruktion aus Pappe oder leichtem Metall mit farbigen Gläsern oder Linsen, war für die Funktion des Albums essentiell. Ohne sie blieben die Raumbilder zweidimensional und ihr besonderer Effekt unzugänglich.

Heute sind solche Publikationen wichtige Studienobjekte für Historiker, die sich mit der Propaganda, visuellen Kultur und Alltagsgeschichte des Dritten Reiches befassen. Sie dokumentieren nicht nur die geografische und administrative Struktur des NS-Staates, sondern auch die Ästhetik und Selbstdarstellung des Regimes. Gleichzeitig werfen sie Fragen nach der Rolle von Medientechnologie in totalitären Systemen auf.

Die Bewahrung solcher Materialien in Sammlungen und Archiven dient der historischen Bildung und Forschung. Sie erinnern an die Allgegenwart der Propaganda im Alltag des Dritten Reiches und an die vielfältigen Methoden, mit denen das Regime versuchte, das Bewusstsein der Bevölkerung zu formen und zu kontrollieren.