Unter den vielfältigen Erinnerungsstücken, die deutsche Soldaten und Matrosen während der Ära des Kaiserreichs (1871–1918) in Auftrag gaben, nehmen die sogenannten Reservistenkrüge eine besondere Stellung ein. Diese kunstvoll verzierten Bierkrüge wurden nicht nur als dekorative Gegenstände geschätzt, sondern dienten vor allem als stolze Zeugnisse der geleisteten Militärdienstzeit. Das hier vorgestellte Ensemble – bestehend aus einem großen Reservistenkrug und einer passenden Reservistenflasche – ist dem Reservisten Glander gewidmet, der von 1910 bis 1913 auf der S.M.S. Danzig diente.
Die Tradition der Reservistenandenken
Während der Zeit des Deutschen Kaiserreichs war der Militärdienst für alle wehrfähigen Männer verpflichtend. Die kaiserlich-deutschen Soldaten von 1871 bis 1918 waren stolz darauf, dem Kaiser, dem Reich und dem Volk zu dienen. Dieser Patriotismus veranlasste viele Soldaten, die sich in ihrem letzten Dienstjahr befanden, ein Andenken an ihre Militärzeit, ihr Regiment und ihre Kameraden in Auftrag zu geben. Dabei wurden der Name und der Rang des jeweiligen Soldaten stets prominent hervorgehoben.
Die Reservistenandenken waren keine spontanen Anschaffungen. Sie waren vielmehr kostspielig und benötigten etwa drei Monate für die Anfertigung. Üblicherweise bestellte eine Gruppe von Mannschaftsdienstgraden ihre Souvenirs gemeinsam, um die Kosten zu senken. Selbst dann beliefen sich die Ausgaben auf den Gegenwert von fünf bis sieben Wochenlöhnen – eine beträchtliche Investition für einfache Soldaten und Matrosen.
Die Vielfalt der erworbenen Andenken war beachtlich und umfasste unter anderem Reservistenstöcke, Regimentsflaschen, Urkunden mit aufgeklebtem Foto des Soldaten, Pfeifen, bronzierte Statuetten, Spazierstöcke und Gruppenfotos der Einheit. Darüber hinaus wurden zahlreiche Haushaltsgegenstände wie dekorative Tassen, Untertassen, Teller, Krüge, Platten, Schüsseln, Trinkgläser und eben die hier besprochenen Reservistenkrüge angeschafft. Die Krüge scheinen dabei die beliebtesten Erwerbungen gewesen zu sein, gemessen an der Anzahl der bis heute aufgefundenen Exemplare.
Die Hersteller dieser Reservistenkrüge waren vorwiegend in der Oberpfalz, in Thüringen, in Koblenz, in München und in der Westerwald-Region ansässig. Die Krüge wurden aus Porzellan, Keramik, Glas und Zinn gefertigt. Die Hauptproduktionsperiode erstreckte sich von etwa 1890 bis 1914, also bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs.
Das vorliegende Ensemble
Der Krug ist ein 1-Liter-Steinzeugkrug mit reicher Reliefverzierung und aufwendiger Bemalung. Die Vorderseite zeigt zwei Matrosen mit Bierkrug und Flagge vor einem Schlachtschiff. Die linke Seite trägt die Aufschrift “Unsere Flott. Nachtangriff” (Unsere Flotte. Nachtangriff), während die rechte Seite eine romantische Abschiedsszene mit einem Südsee-Mädchen darstellt. Der Zinndeckel zeigt eine Hafenbelagerungsszene, gekrönt von einer kleinen Statuette eines Matrosen mit der Reichskriegsflagge. Die Gesamthöhe beträgt etwa 38 cm einschließlich der Deckelfigur.
Ergänzt wird der Krug durch eine passende Reservistenflasche aus Porzellan in Metalleinfassung. Auf dem Verschluss der Flasche sitzt ein Matrose auf einem Bierfass – ein humorvolles Motiv, das die gesellige Seite des Matrosenlebens reflektiert.
S.M.S. Danzig – Das Schiff
Die S.M.S. Danzig, benannt nach der Stadt Danzig (heute Gdańsk), war das siebte und letzte Schiff der Bremen-Klasse. Der Bau begann 1904 auf der Kaiserlichen Werft in der namensgebenden Stadt. Der Stapellauf erfolgte am 23. September 1905, die Indienststellung am 1. Dezember 1907.
Die Danzig verbrachte die ersten zehn Jahre ihrer Karriere bei den Aufklärungskräften der Hochseeflotte. Am 5. Juni 1910 wurde sie von der I. Aufklärungsgruppe abkommandiert und der Marineartillerie-Inspektion in Sonderburg zugewiesen. Im Juni desselben Jahres übernahm Korvettenkapitän Hans Pfundheller das Kommando über das Schiff. Ab 1910 diente die Danzig als Ausbildungsschiff für die Artilleristen der Flotte. Diese Zuweisung stimmt exakt mit der auf dem Krug angegebenen Dienstzeit von 1910 bis 1913 überein.
Für Marinereservisten wie Glander war eine dreijährige aktive Dienstzeit vorgeschrieben, im Unterschied zu den meisten anderen Truppengattungen, die nur zwei Jahre dienten. Lediglich die Kavallerie und die berittene Artillerie erforderten ebenfalls drei Jahre aktiven Dienst. Die Marinereservisten wurden in der Regel aus den Marinebezirken einberufen.
Das Schicksal der S.M.S. Danzig
Die Danzig wurde Ende 1917 aus dem aktiven Dienst zurückgezogen. Sie überstand das Kriegsende und wurde am 5. November 1919 aus dem Schiffsregister gestrichen. Am 15. September 1920 wurde das Schiff als Kriegsbeute an das Vereinigte Königreich übergeben und in den Jahren 1921–1922 in Whitby abgewrackt.
Hinweise für Sammler
Es sei darauf hingewiesen, dass Reservistenkrüge seit den 1960er Jahren stetig reproduziert werden. Die meisten Experten stimmen darin überein, dass Reproduktionen die authentischen Exemplare zahlenmäßig bei weitem übersteigen. Sammler sollten daher bei der Bewertung solcher Stücke besondere Sorgfalt walten lassen. Ein Set bestehend aus Krug und passender Flasche, wie im vorliegenden Fall, ist als Ensemble von besonderem Sammlerwert.