Das hier beschriebene Schießpreis-Seitengewehr der Wehrmacht repräsentiert eine faszinierende Verbindung zwischen militärischer Tradition, soldatischer Leistung und der besonderen Rolle des bayerischen Militärerbes in der deutschen Armee des 20. Jahrhunderts. Solche Preis- und Ehrenseitengewehre bildeten einen wichtigen Bestandteil der militärischen Auszeichnungspraxis und dienten der Motivation sowie der Traditionspflege innerhalb der Einheiten.
Schießpreise in der deutschen Militärtradition
Die Vergabe von Preisstücken für herausragende Schießleistungen hat in der deutschen Militärgeschichte eine lange Tradition, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Bereits in der kaiserlichen Armee wurden besondere Waffen oder Ausrüstungsgegenstände als Auszeichnung für die besten Schützen einer Einheit verliehen. Diese Praxis wurde in der Reichswehr fortgesetzt und fand auch in der Wehrmacht ihre Fortsetzung. Solche Preisstücke waren keine regulären Dienstwaffen, sondern besondere Ehrenzeichen, die der Träger bei bestimmten Anlässen führen durfte.
Das Seitengewehr (Bajonett) war seit Einführung der Feuerwaffen ein unverzichtbarer Bestandteil der Infanterieausrüstung. In der Wehrmacht wurde ab 1934/35 ein neues Standardseitengewehr eingeführt, das als Kampfmesser und Werkzeug diente. Die Firma Eickhorn aus Solingen gehörte zu den renommiertesten Herstellern von Blankwaffen und produzierte sowohl Standardausführungen als auch hochwertige Sonderanfertigungen wie Preisstücke.
Das Infanterie-Regiment 19 und seine Tradition
Das Infanterie-Regiment 19 der Wehrmacht trug ein besonderes historisches Erbe. Seine Wurzeln lagen im berühmten bayerischen Infanterie-Leib-Regiment, einer der renommiertesten Einheiten der bayerischen Armee. Nach dem Ersten Weltkrieg und den durch den Versailler Vertrag auferlegten Beschränkungen wurde die Tradition dieses Regiments 1921 durch General Hans von Seeckt, den Chef der Heeresleitung, offiziell auf Teile des 19. (Bayerischen) Infanterie-Regiments der Reichswehr übertragen.
Mit der Wiederaufrüstung und der Schaffung der Wehrmacht ab 1935 führte das neuaufgestellte Infanterie-Regiment 19 diese stolze Tradition fort. Die Einheit war in München stationiert, dem traditionellen Zentrum der bayerischen Militärkultur. Die Verbindung zur Vergangenheit wurde durch die Leib-Regiment-Kameradschaft (L.R.K.) aufrechterhalten, einen Veteranenverband ehemaliger Angehöriger des Infanterie-Leib-Regiments, der aktiv die Traditionspflege betrieb.
Die Rolle der Traditionskameradschaften
Die Traditionskameradschaften spielten eine wichtige Rolle in der Wehrmacht. Sie dienten als Bindeglied zwischen den alten kaiserlichen Regimentern und den neuen Einheiten. Veteranenverbände wie die Leib-Regiment-Kameradschaft stifteten häufig Preise und Auszeichnungen für aktive Soldaten, um die Verbindung zwischen den Generationen zu stärken und den Korpsgeist zu fördern. Die Stiftung eines solchen Preisstücks im Jahr 1938 fällt in eine Zeit, in der die Wehrmacht nach der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht 1935 stark expandierte und großen Wert auf die Pflege militärischer Traditionen legte.
Technische und künstlerische Gestaltung
Schießpreis-Seitengewehre unterschieden sich von Standardausführungen durch ihre besondere Gestaltung. Die vernickelte Oberfläche der Klinge und des Griffstücks verlieh dem Stück einen repräsentativen Charakter. Die Ätzungen auf der Klinge dokumentierten den Zweck und die Herkunft des Preises. Die Anbringung des Regimentsemblems im Lorbeerkranz auf den Griffschalen unterstrich den Ehrencharakter der Auszeichnung. Der Lorbeerkranz als Symbol des Sieges und der Ehre hatte eine lange Tradition in der militärischen Symbolik.
Das Portepee für Unteroffiziere, ein geflochtener Tragriemen, war ein weiteres Kennzeichen des militärischen Ranges und der Würde. Die schwarze Scheide entsprach der für Heeresseitengewehre üblichen Ausführung. Die Kombination aus funktionalen und dekorativen Elementen machte solche Preisstücke zu begehrten Auszeichnungen.
Historische Bedeutung und Sammlerwert
Heute sind solche Preis-Seitengewehre seltene Zeugnisse der militärischen Kultur der Wehrmacht. Sie dokumentieren nicht nur handwerkliche Qualität und künstlerische Gestaltung, sondern auch die organisatorischen Strukturen, Traditionen und Wertvorstellungen der damaligen Zeit. Jedes Stück erzählt die Geschichte einer spezifischen Einheit und ihrer historischen Verbindungen. Für Militärhistoriker und Sammler bieten sie wertvolle Einblicke in die Alltagspraxis der Truppenbetreuung und Soldatenmotivation.
Die Seltenheit solcher Stücke resultiert aus ihrer begrenzten Produktion und ihrer spezifischen Zweckbestimmung. Anders als Standardausrüstung wurden Preisstücke nur in geringer Stückzahl gefertigt und nur an ausgewählte Soldaten verliehen. Viele gingen im Laufe der Kriegsjahre verloren oder wurden zerstört, was erhaltene Exemplare besonders wertvoll macht.