Der Souvenir-Gürtel des Ersten Weltkriegs stellt ein faszinierendes Phänomen der materiellen Kultur des Krieges dar, das sowohl bei den Truppen der Entente als auch bei denen der Mittelmächte anzutreffen war. Diese Gürtel, die im englischsprachigen Raum oft als “Hate Belts” oder “Trench Art Belts” bezeichnet werden, bestanden aus Lederriemen, auf die Uniformknöpfe, Kokarden und andere militärische Insignien aufgenäht wurden.
Die Bezeichnung “Hate Belt” entstand aus der propagandistischen Vorstellung, dass diese Knöpfe von getöteten feindlichen Soldaten stammten und somit als makabere Trophäen dienten. Die historische Forschung hat jedoch gezeigt, dass diese Interpretation weitgehend ein Mythos war, der vor allem von der Kriegspropaganda und der Heimatfront genährt wurde. In Wirklichkeit handelte es sich bei den meisten dieser Gürtel um Andenken, deren Knöpfe durch Tausch zwischen Soldaten verschiedener Einheiten und Nationalitäten erworben wurden.
Im Kontext des Ersten Weltkriegs (1914-1918) entwickelte sich eine ausgeprägte Kultur des Sammelns und Tauschens von militärischen Souvenirs. Soldaten in den Schützengräben, die oft monatelang in relativen Ruhephasen zwischen den großen Offensiven verharrten, suchten nach Möglichkeiten, die Monotonie zu durchbrechen und Erinnerungsstücke an ihre Dienstzeit zu schaffen. Uniformknöpfe waren hierfür ideal: Sie waren klein, leicht zu transportieren und trugen oft charakteristische Embleme, die Regiment, Nation oder Waffengattung identifizierten.
Das Deutsche Reich verwendete während des Ersten Weltkriegs eine Vielzahl unterschiedlicher Knöpfe und Kokarden, die je nach Regiment, Bundesstaat und militärischer Einheit variierten. Preußische Einheiten trugen beispielsweise Knöpfe mit dem preußischen Adler, bayerische Truppen solche mit der bayerischen Krone, und württembergische sowie sächsische Einheiten hatten ihre eigenen charakteristischen Insignien. Diese Vielfalt machte das Sammeln besonders reizvoll.
Die Herstellung solcher Gürtel erfolgte üblicherweise während der Dienstzeit, oft in den Ruhequartieren hinter der Front. Soldaten verwendeten Standard-Lederkoppel oder fertigten eigene Riemen an und nähten die gesammelten Knöpfe darauf. Manche Gürtel zeigten eine geordnete Anordnung nach Nationen oder Truppenteilen, andere waren eher zufällig zusammengestellt. Die Anzahl der Knöpfe variierte erheblich – von wenigen bis zu mehreren Dutzend.
Das hier beschriebene Exemplar aus der Zeit um 1917 zeigt typische Merkmale dieser Gattung: ein Lederkoppel mit Koppelschloss, ursprünglich mit 19 Knöpfen oder Kokarden bestückt, von denen noch 12 erhalten sind. Das Jahr 1917 markiert eine Phase des Krieges, in der die anfängliche Begeisterung längst der Ernüchterung gewichen war, aber die Soldatenkultur des Sammelns und Tauschens weiterhin blühte.
Interessanterweise existierte ein reger Tauschhandel zwischen den Fronten, besonders in ruhigeren Abschnitten. Während der inoffiziellen Waffenstillstände, beim Austausch von Gefangenen oder durch Vermittler im Niemandsland wurden nicht nur Zigaretten und Lebensmittel, sondern auch militärische Andenken getauscht. Dies erklärt, warum viele dieser Gürtel eine bunte Mischung aus Knöpfen verschiedener Armeen aufweisen – deutsche, französische, britische, russische und österreichisch-ungarische Insignien finden sich nicht selten auf demselben Gürtel.
Die Propaganda nutzte diese Gürtel, um ein Bild brutaler Feinde zu zeichnen, die die Knöpfe gefallener Gegner als Trophäen sammelten. Zeitungsberichte und Propagandamaterial auf beiden Seiten berichteten empört über diese vermeintliche Barbarei. In Wahrheit spiegeln diese Objekte jedoch eher die komplexe soziale Dynamik des Grabenkriegs wider, in der Feindschaft und eine gewisse kameradschaftliche Anerkennung des gemeinsamen Leids nebeneinander existieren konnten.
Nach dem Krieg wurden viele dieser Gürtel als persönliche Erinnerungsstücke mit nach Hause genommen. Sie wurden zu Familienerbstücken, die die Kriegserfahrung einer Generation repräsentierten. Heute sind sie wichtige museale Objekte, die Einblick in die materielle Kultur und die psychologischen Bewältigungsstrategien der Soldaten des Ersten Weltkriegs geben.
Die Erhaltung solcher Objekte ist oft problematisch, da Leder mit der Zeit brüchig wird und Knöpfe sich lösen können. Der Zustand des beschriebenen Gürtels mit sieben fehlenden Knöpfen ist typisch für Objekte dieser Art und ihres Alters. Die Patina und der Verschleiß bezeugen gleichzeitig die Authentizität und die tatsächliche Verwendung während oder kurz nach dem Krieg.
Diese Souvenir-Gürtel bleiben bedeutende historische Zeugnisse, die uns an die menschliche Dimension des industrialisierten Krieges erinnern – an Soldaten, die inmitten von Tod und Zerstörung versuchten, ihre Erfahrungen zu verarbeiten und Erinnerungen zu bewahren.