Preußen 1. Weltkrieg Patriotika Lesezeichen "Mitau 1. August 1915"
Die Vivat-Bänder wurden im 1. Weltkrieg zu vielen militärischen Siegen hergestellt, der Erlös aus dem Verkauf ging an das Rote Kreuz.
Das vorliegende Vivat-Band aus Seide dokumentiert die Einnahme der Stadt Mitau (heute Jelgava, Lettland) am 1. August 1915 durch deutsche Truppen während des Ersten Weltkriegs. Diese Art patriotischer Lesezeichen gehört zu einer bedeutenden Kategorie von Kriegsandenken, die zwischen 1914 und 1918 in großer Zahl produziert wurden.
Die Eroberung von Mitau war Teil der großangelegten deutschen Sommeroffensive 1915 an der Ostfront, die als Operation Gorlice-Tarnów begann und sich nach Norden ausdehnte. Unter dem Kommando von Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und seinem Stabschef Erich Ludendorff gelang es den Mittelmächten, die russischen Linien in Kurland (Lettland) zu durchbrechen. Die Stadt Mitau, Hauptstadt des Gouvernements Kurland, fiel am 1. August 1915 an die deutsche Armee, was einen bedeutenden strategischen Erfolg darstellte.
Vivat-Bänder waren seidene Lesezeichen, die zu verschiedenen militärischen Ereignissen und Siegen produziert wurden. Der Begriff “Vivat” stammt aus dem Lateinischen und bedeutet “er/sie lebe” - ein traditioneller Jubelruf. Diese Bänder wurden in Deutschland, Österreich-Ungarn und in geringerem Umfang auch in anderen kriegführenden Staaten hergestellt.
Die Produktion dieser patriotischen Andenken erfüllte mehrere Zwecke: Sie dienten der Hebung der Moral an der Heimatfront, der Verbreitung siegreicher Nachrichten und - besonders wichtig - der Finanzierung humanitärer Arbeit. Der Erlös aus dem Verkauf ging häufig an das Rote Kreuz oder andere Wohlfahrtsorganisationen, die sich um verwundete Soldaten und notleidende Zivilisten kümmerten.
Die Vivat-Bänder wurden typischerweise aus Seide gefertigt, einem Material, das trotz der Kriegswirtschaft für solche Zwecke noch verfügbar war. Die Länge variierte üblicherweise zwischen 30 und 45 Zentimetern. Die Bänder trugen häufig folgende Elemente: das Datum des militärischen Ereignisses, den Ortsnamen, patriotische Symbole wie Eiserne Kreuze, Adler oder Flaggen, sowie oft Portraits von Kaisern, Königen oder erfolgreichen Generälen.
Die Herstellung erfolgte durch verschiedene Textilmanufakturen, besonders in Sachsen und Schlesien, wo die Seidenweberei eine lange Tradition hatte. Die Technik war meist die Jacquard-Weberei, die komplexe Muster und Schriftzüge ermöglichte.
Vivat-Bänder wurden an Verkaufsständen, in Geschäften und bei Wohltätigkeitsveranstaltungen angeboten. Sie fanden reißenden Absatz bei der deutschen Bevölkerung, die nach Nachrichten von Erfolgen dürstete, besonders nachdem der Krieg sich als langwieriger erwies als zunächst erhofft. Soldaten schickten diese Bänder als Andenken an ihre Familien, und viele Menschen sammelten sie systematisch.
Die Einnahme Mitaus war Teil der sogenannten “Großen Rückzugsbewegung” der russischen Armee im Sommer 1915. Nach der Eroberung befand sich ganz Kurland unter deutscher Kontrolle, was bis zum Kriegsende 1918 so blieb. Die Region wurde von der deutschen Militärverwaltung Ober Ost verwaltet. Mitau diente als wichtiger Verwaltungssitz und Verkehrsknotenpunkt für die deutsche Besatzung.
Heute sind Vivat-Bänder wichtige Quellen für die Erforschung der Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs. Sie zeigen, wie militärische Erfolge kommuniziert und kommerzialisiert wurden, und dokumentieren die Verbindung zwischen Heimatfront und Kriegsschauplatz. Sie belegen auch die Bemühungen, trotz der Kriegsbelastung humanitäre Arbeit zu finanzieren.
Als Sammelobjekte sind sie heute bedeutende Zeugnisse der Alltagskultur im Ersten Weltkrieg und ergänzen das Verständnis davon, wie die Zivilbevölkerung den Krieg erlebte und verarbeitete.