SS-Porzellanmanufaktur Allach - Kerzenleuchter mit geprägter SS-Allachmarke im Oktagon
Die SS-Porzellanmanufaktur Allach stellt einen der bemerkenswertesten und zugleich umstrittensten Aspekte der nationalsozialistischen Wirtschafts- und Kulturpolitik dar. Die Manufaktur wurde 1935 in Allach, einem Vorort von München, gegründet und stand unter der direkten Kontrolle der SS (Schutzstaffel). Ursprünglich als Teil der wirtschaftlichen Unternehmungen der SS konzipiert, entwickelte sich die Porzellanmanufaktur zu einem bedeutenden Produzenten hochwertiger Keramikwaren, die sowohl für repräsentative Zwecke als auch für die ideologische Durchdringung des Alltags im Dritten Reich dienten.
Der vorliegende Kerzenleuchter trägt die charakteristische geprägte SS-Allachmarke im Oktagon auf der Unterseite und ist ein Entwurf des Künstlers Carl Diebitsch (Modell Nr. 89). Diebitsch war einer der führenden Designer der Manufaktur und spielte eine zentrale Rolle bei der Gestaltung der SS-Ästhetik. Geboren 1899, war er nicht nur als Porzellandesigner tätig, sondern auch maßgeblich an der Entwicklung von SS-Uniformen und anderen repräsentativen Objekten beteiligt.
Die Produktion der SS-Porzellanmanufaktur Allach umfasste ein breites Spektrum an Objekten, von dekorativen Figuren und Vasen bis hin zu Gebrauchsgegenständen wie dem hier beschriebenen Kerzenleuchter. Besonders bedeutsam waren die sogenannten Lebenskerzen oder Julleuchter, die im Rahmen der von den Nationalsozialisten propagierten germanisch-heidnischen Ersatzrituale für christliche Traditionen verwendet wurden. Diese Kerzenleuchter waren häufig Teil der SS-eigenen Feierlichkeiten, insbesondere während der Julfeste, die als germanische Alternative zum Weihnachtsfest etabliert werden sollten.
Die Manufaktur beschäftigte im Laufe ihrer Existenz mehrere hundert Arbeiter, darunter ab 1940 zunehmend KZ-Häftlinge aus dem nahegelegenen Konzentrationslager Dachau. Diese Zwangsarbeiter wurden unter unmenschlichen Bedingungen zur Arbeit gezwungen, was die Produkte der Manufaktur mit einem schweren historischen Erbe belastet. Nach der Verlagerung eines Teils der Produktion nach Dachau im Jahr 1940 wurde die Ausbeutung von Häftlingen systematischer Bestandteil des Produktionsprozesses.
Die Finanzierung und Organisation der Manufaktur erfolgte durch die Deutsche Wirtschaftsbetriebe GmbH (DWB), ein SS-eigenes Wirtschaftskonglomerat, das unter der Leitung von Oswald Pohl stand. Die Allach-Produkte wurden über verschiedene Kanäle vertrieben, darunter das Hauptamt Verwaltung und Wirtschaft der SS, und dienten sowohl als Geschenke für verdiente SS-Mitglieder als auch als repräsentative Objekte für die nationalsozialistische Elite.
Die künstlerische Qualität der Allach-Produkte war durchaus beachtlich. Die weiß glasierte Keramik zeichnete sich durch präzise Verarbeitung und klassische Formgebung aus. Carl Diebitsch verfolgte eine Ästhetik, die sich an nordischen und klassischen Vorbildern orientierte und die NS-Ideologie von “Blut und Boden” in Formsprache übersetzen sollte. Die Werke sollten eine angebliche germanische Tradition repräsentieren und zur kulturellen Legitimierung des Regimes beitragen.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 wurde die Produktion eingestellt, und die Manufaktur wurde von den Alliierten geschlossen. Die noch vorhandenen Bestände wurden beschlagnahmt, und die Produktionsanlagen wurden teilweise demontiert. In der Nachkriegszeit entwickelte sich ein komplexer Umgang mit den Objekten der Allach-Manufaktur. Während sie einerseits als historische Zeugnisse des Nationalsozialismus erkannt wurden, entwickelte sich andererseits auch ein problematischer Sammlermarkt.
Heute befinden sich Objekte der SS-Porzellanmanufaktur Allach in verschiedenen Museen und Sammlungen weltweit, wo sie im Kontext der NS-Geschichte und als Beispiele für die ästhetische und wirtschaftliche Durchdringung des Alltags durch das totalitäre Regime präsentiert werden. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Objekten erfordert eine kritische Perspektive, die sowohl die kunsthandwerkliche Qualität als auch die verbrecherische Produktion und ideologische Funktion berücksichtigt.
Der hier beschriebene Kerzenleuchter mit einer Höhe von 12 cm repräsentiert exemplarisch die Alltagsdurchdringung nationalsozialistischer Symbolik und Ideologie. Die geprägte Markierung und die Künstlersignatur dokumentieren die systematische Produktion und den Anspruch auf künstlerische Qualität, die die SS für ihre Wirtschaftsunternehmungen erhob. Gleichzeitig steht das Objekt als stummes Zeugnis für ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte, in dem Kunst und Handwerk in den Dienst einer verbrecherischen Ideologie gestellt wurden.