Pskow unter deutscher Besatzung
Einschreibbrief an einen Bürger Iwanov in Pskow, datiert 1942
Das vorliegende Objekt – ein Einschreibbrief (russisch: заказное письмо) adressiert an einen Bürger namens Iwanov in Pskow und auf das Jahr 1942 datiert – gehört zu den seltensten und zugleich historisch aufschlussreichsten Dokumenten der deutschen Besatzungszeit in der Sowjetunion. Als postalisches Zeugnis aus einer Periode extremer Restriktionen und menschlichen Leids vereint dieses Stück philatelische Bedeutung mit einer tiefgreifenden historischen Dimension.
Die alte russische Stadt Pskow wurde am 9. Juli 1941 von der Wehrmacht besetzt und von den deutschen Behörden in „Pleskau“ umbenannt. Die Besatzung sollte bis zum 23. Juli 1944 andauern, als die sowjetischen Streitkräfte die Stadt befreiten. Während dieser über drei Jahre währenden Okkupation diente Pskow als rückwärtiger Stützpunkt der Heeresgruppe Nord und beherbergte deutsche Kommandostellen, Lazarette sowie Einheiten der Sicherheitspolizei.
Die lokale Bevölkerung litt unter den brutalen Besatzungsmaßnahmen. Zwangsarbeit und Deportationen prägten den Alltag – etwa 11.000 Einwohner Pskows wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Strenge Restriktionen bestimmten sämtliche Aspekte des zivilen Lebens.
Die Besonderheit des Postwesens in Pskow
Unter allen besetzten Gebieten der Sowjetunion nahm Pskow eine einzigartige Sonderstellung ein. Während die nationalsozialistischen Besatzungsbehörden in den eroberten sowjetischen Territorien grundsätzlich jegliche zivile Kommunikation per Post, Telefon und Telegraf verboten, bildete Pskow die einzige Ausnahme von dieser Regel. Am 7. August 1941 wurde in der Stadt ein lokaler Postdienst eingerichtet, der provisorische Überdrucke auf verbliebenen sowjetischen Briefmarken und Postganzsachen verwendete, die mit der Bezeichnung „PLESKAU“ versehen wurden.
Dieser lokale Postdienst wurde offiziell am 30. April 1942 eingestellt. Dies wirft bedeutende Fragen hinsichtlich der zeitlichen Einordnung des vorliegenden Einschreibbriefes auf, der lediglich mit der Jahreszahl 1942 datiert ist.
Einschreibpost – eine gehobene Postkategorie
Der Einschreibbrief stellte sowohl im sowjetischen als auch im Besatzungspostsystem eine besondere Kategorie dar. Eingeschriebene Sendungen erforderten zusätzliche Gebühren über das normale Porto hinaus und boten dem Absender eine Empfangsbestätigung sowie eine Sendungsverfolgung. Dass jemand unter den Bedingungen der Besatzung die Mühe und die Kosten auf sich nahm, einen Einschreibbrief zu versenden, deutet auf die Wichtigkeit des Inhalts hin – auch wenn der Brief heute ohne Inhalt vorliegt.
Der Adressat
Der Brief ist an einen Bürger namens Iwanov (auch Ivanov) in Pskow adressiert. Der Name Iwanov zählt zu den häufigsten russischen Familiennamen. Über die Identität und die Lebensumstände des Adressaten liegen keine weiteren Informationen vor.
Sammlungswürdigkeit und historische Bedeutung
Nach der Befreiung Pskows am 23. Juli 1944 wurden die normalen sowjetischen Postdienste schrittweise wiederhergestellt. Die postalischen Materialien aus der Zeit der Besatzung – darunter Briefe, Umschläge und Briefmarken mit dem Aufdruck „Pleskau“ – entwickelten sich zu begehrten philatelistischen Sammlerstücken, die eine der dunkelsten Perioden der Besatzungsgeschichte dokumentieren.
Das vorliegende Stück vereint mehrere Faktoren, die es für Sammler besonders interessant machen: Es handelt sich um ein Dokument aus dem einzigen Gebiet der besetzten Sowjetunion, in dem ein ziviler Postverkehr überhaupt existierte. Die Gattung Einschreibbrief macht es innerhalb dieser ohnehin seltenen Kategorie zu einem noch selteneren Exemplar. Zudem stammt es aus dem Jahr 1942, einer Übergangsperiode für das Postwesen in der besetzten Stadt.
Für Sammler von Besatzungspost, Feldpost und historischen Dokumenten des Zweiten Weltkriegs stellt dieser Einschreibbrief ein bemerkenswertes Zeugnis dar – ein stummer Zeuge jener Zeit, in der selbst die einfachste Form der Kommunikation unter dem Joch der Besatzung zu einem Akt von außerordentlicher Bedeutung wurde.