Preußen Infanterie Offiziersdegen (IOD) a.Art .
Gesamtlänge 1030 mm
Der vorliegende Preußische Infanterie Offiziersdegen alter Art ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Seitenwaffen preußischer Infanterieoffiziere im ausgehenden 19. Jahrhundert. Mit seiner Abnahmemarke “W 88” auf dem Klingenrücken lässt sich dieses Stück auf das Jahr 1888 datieren – ein bedeutsames Jahr in der deutschen Militärgeschichte, nur ein Jahr vor der Einführung des standardisierten Modells 1889 neuer Art. Die Abnahme im Format Krone/W/88 verweist auf Kaiser Wilhelm und dokumentiert die offizielle Inspektion und Zulassung der Waffe.
Die Klinge dieses Degens trägt quartseitig auf der Fehlschärfe die Herstellerbezeichnung “Weyersberg Kirschbaum & Co Solingen”. Das Unternehmen, allgemein als WKC bekannt, entstand 1883 aus der Fusion der Firmen Weyersberg und Kirschbaum. Bis 1900 beschäftigte WKC 630 Mitarbeiter und zählte zu den größten Blankwaffenherstellern des Deutschen Kaiserreichs der 1880er Jahre. Das Unternehmen produzierte im späten 19. Jahrhundert mehr als 100.000 Klingen jährlich und belieferte Streitkräfte weltweit. Die Geschichte von WKC reicht dabei weit über das Kaiserreich hinaus: Nach einer Insolvenz im Jahr 1932 wurde das Unternehmen in unabhängige Geschäftsbereiche aufgeteilt und produzierte weiter durch den Zweiten Weltkrieg hindurch. 1955 erwarb Hans Kolping die Waffensparte und nahm die Produktion zeremonieller Blankwaffen wieder auf. Bis heute ist WKC als Hersteller zeremonieller Militärblankwaffen aktiv.
Die Bezeichnung “alter Art” grenzt dieses Modell von dem 1889 eingeführten IOD M 1889 neuer Art ab. Der IOD alter Art repräsentiert ein früheres Infanterie-Offiziersdegen-Muster, das auch nach der Einführung des M1889 weiterhin getragen wurde. Das an diesem Exemplar vorhandene Klappscharnier ist ein konstruktives Merkmal, das um 1882–83 eingeführt wurde. Bemerkenswert ist, dass der IOD alter Art trotz seiner Ablösung durch das neue Modell noch während des Ersten Weltkriegs von Offizieren getragen wurde – ein Zeichen für die konservative Haltung des preußischen Militärs gegenüber Traditionsstücken.
Der Degen besitzt eine ermattete Klinge mit Hohlbahn und eine Gesamtlänge von 1030 mm. Das schwere Messinggefäß mit Klappscharnier ist charakteristisch für diesen Typ. Die Drahtwicklung am Griff ist intakt erhalten, und das Portepee (Degentroddel) ist noch vorhanden. Die schwarze Lederscheide mit Messingbeschlägen vervollständigt das Ensemble. Auf dem Mundblech der Scheide findet sich der Truppenstempel “39.R.R.7.2.”, sowie auf dem Klingenrücken neben der Abnahme “W 88” eine Kontrollpunze.
Der Truppenstempel auf dem Mundblech der Scheide verweist auf das Niederrheinisches Füsilier-Regiment Nr. 39, ein preußisches Infanterieregiment mit bedeutender Geschichte. Das Regiment wurde am 26. Januar 1818 gegründet und 1860 als Füsilierregiment reorganisiert. Ab 1866 war es in Düsseldorf stationiert und gehörte zum VII. Armeekorps.
Im Deutsch-Französischen Krieg (1870–71) zeichnete sich das Regiment in mehreren bedeutenden Gefechten aus, darunter bei Spicheren, Gravelotte sowie bei den Belagerungen von Metz, Montmédy und Mézières. Während des Ersten Weltkriegs kämpften das Regiment und seine Reserveformation, das Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 39, an der Westfront, unter anderem bei Verdun.
Das prominenteste Mitglied des Regiments war zweifellos Erich Ludendorff, der das Regiment kurz vor dem Ersten Weltkrieg kommandierte. Am 26. Oktober 1918 wurde Ludendorff zum Ehrenchef (Chef) des Regiments ernannt, woraufhin es in “Füsilier-Regiment ‘General Ludendorff’ (Niederrheinisches) Nr. 39” umbenannt wurde.
Der Infanterie Offiziersdegen diente preußischen Infanterieoffizieren als vorschriftsmäßige Seitenwaffe. Bereits im späten 19. Jahrhundert hatte der Offiziersdegen durch die Entwicklung moderner Feuerwaffen einen Großteil seiner Kampffunktion eingebüßt und wurde zunehmend zum Kommandoinstrument und Rangsymbol. Zur Zeit des Ersten Weltkriegs waren Degen in erster Linie zeremonielle Gegenstände und Führungsinstrumente, auch wenn sie weiterhin zur vorschriftsmäßigen Ausrüstung der Offiziere gehörten.
Nach dem Ersten Weltkrieg führte die Reichswehr die Traditionen der alten kaiserlichen Regimenter in begrenztem Umfang fort. Die 6. Kompanie des Infanterie-Regiments 18 wurde zur Traditionskompanie des Füsilier-Regiments Nr. 39 bestimmt. Nach dem Vertrag von Versailles wurden kaiserliche Militärblankwaffen zu begehrten Sammlerstücken – eine Entwicklung, die bis heute anhält.
Dieser IOD alter Art mit seiner eindeutigen Datierung auf 1888, seiner Zuordnung zum geschichtsträchtigen Niederrheinischen Füsilier-Regiment Nr. 39 und seiner Herstellung durch den renommierten Solinger Hersteller WKC stellt ein hervorragendes Sammlungsstück dar, das die preußische Militärtradition an der Schwelle zur Moderne in sich vereint. Er dokumentiert den Übergang zwischen traditionellen Blankwaffenmustern und der beginnenden Standardisierung des Jahres 1889 und verbindet zugleich die industrielle Geschichte Solingens mit der Regimentsgeschichte des Rheinlands.