Preußen 1. Weltkrieg Postkarte "Roye - Rathaus"
Die vorliegende Feldpostkarte aus dem Ersten Weltkrieg dokumentiert die deutsche Besatzung der nordfranzösischen Stadt Roye während des Jahres 1915. Das Motiv zeigt das Rathaus von Roye, und die Karte trägt den Stempel der 5. Kompanie des Reserve-Infanterie-Regiments 75 sowie einen Hinweis auf die 17. Reserve-Division mit dem Datum 29. Juli 1915.
Das Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 75 war ein Verband der preußischen Armee, der zu Beginn des Ersten Weltkriegs mobilisiert wurde. Diese Reserveregimenter bestanden aus ausgebildeten Soldaten, die ihren aktiven Dienst bereits absolviert hatten und im Kriegsfall eingezogen wurden. Das Regiment gehörte zur 17. Reserve-Division, die im August 1914 aufgestellt wurde und dem XIV. Reserve-Korps unterstand. Die Division kämpfte an verschiedenen Abschnitten der Westfront und war 1915 im Bereich der Somme eingesetzt.
Roye ist eine Stadt im Département Somme in der Region Picardie, die während des Ersten Weltkriegs von strategischer Bedeutung war. Die Stadt wurde bereits im September 1914 während des deutschen Vormarsches besetzt und blieb bis zum Frühjahr 1917 unter deutscher Kontrolle. Die geografische Lage von Roye, südlich der späteren Somme-Schlacht-Gebiete, machte sie zu einem wichtigen Versorgungspunkt und Ruhebereich für deutsche Truppen.
Die Feldpost spielte im Ersten Weltkrieg eine entscheidende Rolle für die Aufrechterhaltung der Moral der Soldaten. Das deutsche Feldpostsystem war hochorganisiert und beförderte täglich Millionen von Briefen und Postkarten zwischen der Front und der Heimat. Soldaten konnten gebührenfrei Post versenden, was als wichtige Maßnahme zur Aufrechterhaltung der Kampfmoral galt. Die Feldpost wurde von speziellen Feldpostämtern bearbeitet, die den einzelnen Divisionen und Korps zugeordnet waren.
Ansichtskarten wie diese waren während des Krieges äußerst populär. Sie dienten nicht nur der privaten Korrespondenz, sondern auch als Souvenirs und dokumentarische Zeugnisse der Kriegserfahrung. Viele dieser Karten wurden von lokalen Fotografen oder spezialisierten Verlagen hergestellt, die die Nachfrage der Soldaten nach Bildmaterial aus den besetzten Gebieten bedienten. Die Motive zeigten häufig Stadtansichten, historische Gebäude oder Kriegsschäden.
Der Stempel “S.B.” steht vermutlich für “Seit Beginn” oder eine ähnliche militärische Abkürzung, die die organisatorische Zuordnung kennzeichnet. Die präzise Datierung auf den 29. Juli 1915 verortet die Karte in eine relativ ruhige Phase an diesem Frontabschnitt, die zwischen den großen Schlachten von 1914 und der späteren Somme-Offensive von 1916 lag.
Die 17. Reserve-Division war an verschiedenen bedeutenden Gefechten beteiligt, darunter die Kämpfe in Flandern 1914 und später an der Somme. Im Sommer 1915, als diese Karte gestempelt wurde, befand sich die Division in einer Phase relativer Ruhe, in der Stellungskrieg und Routinedienst den Alltag prägten. Solche Perioden wurden genutzt, um Truppen zu reorganisieren, auszubilden und zu erholen.
Das Rathaus von Roye, das auf der Karte abgebildet ist, war ein charakteristisches Beispiel französischer Kommunalarchitektur. Viele solcher Gebäude wurden während des Krieges beschädigt oder zerstört, insbesondere während der deutschen Rückzugsoperationen im Rahmen der Operation Alberich im Frühjahr 1917, als die deutschen Truppen zur Siegfriedstellung zurückwichen und dabei systematisch Infrastruktur zerstörten.
Solche Feldpostkarten sind heute wichtige historische Quellen. Sie dokumentieren nicht nur die militärische Organisation und Truppenverwendung, sondern geben auch Einblick in das Alltagsleben der Soldaten, die geografische Verteilung der Einheiten und den Zustand der besetzten Gebiete. Für Militärhistoriker ermöglichen die Stempel und Vermerke eine präzise Rekonstruktion von Truppenbewegungen und Standorten.
Der Erhaltungszustand dieser Karte wird mit “Zustand 2” angegeben, was im Sammlerwesen üblicherweise einen guten bis sehr guten Zustand mit geringen Gebrauchsspuren bezeichnet. Dies ist für ein über hundert Jahre altes Feldpostdokument bemerkenswert und erhöht sowohl den historischen als auch den sammlungswürdigen Wert des Objekts.