Preußen Reservistenflasche für einen Soldaten im 3. Unter-Elsässischen Infanterie-Regiment Nr. 138
Ein sehr frühes Stück. Das Regiment wurde erst 1887 aufgestellt.
Die Reservistenflasche des 3. Unter-Elsässischen Infanterie-Regiments Nr. 138 repräsentiert ein faszinierendes Zeugnis der militärischen Erinnerungskultur im Deutschen Kaiserreich der späten 1880er Jahre. Diese persönlichen Andenken dokumentieren nicht nur die Militärdienstzeit ihrer Besitzer, sondern spiegeln auch die politische und gesellschaftliche Atmosphäre einer bedeutenden Übergangszeit in der deutschen Geschichte wider.
Das 3. Unter-Elsässische Infanterie-Regiment Nr. 138 wurde erst 1887 aufgestellt, was dieses Exemplar zu einem besonders frühen und historisch wertvollen Stück macht. Die Gründung erfolgte im Kontext der Verstärkung der deutschen Militärpräsenz in Elsass-Lothringen, dem nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 dem Deutschen Reich einverleibten Reichsland. Das Regiment war in Colmar stationiert und gehörte zum XV. Armeekorps.
Die charakteristische Gestaltung der Flasche mit den “drei Kaisern” – Kaiser Wilhelm II., Kaiser Wilhelm I. und Friedrich III. – ist von außerordentlicher historischer Bedeutung. Das Jahr 1888 ging als “Dreikaiserjahr” in die deutsche Geschichte ein. Am 9. März 1888 verstarb der greise Kaiser Wilhelm I. im Alter von 90 Jahren nach fast 27-jähriger Regentschaft. Sein Sohn Friedrich III., bereits schwer an Kehlkopfkrebs erkrankt, bestieg den Thron nur für 99 Tage, bevor er am 15. Juni 1888 verstarb. Ihm folgte sein 29-jähriger Sohn als Kaiser Wilhelm II., der Deutschland bis 1918 regieren sollte.
Diese dramatische Abfolge der Herrscherwechsel prägte das kollektive Bewusstsein der Zeitgenossen tief. Die Darstellung aller drei Kaiser auf militärischen Erinnerungsstücken symbolisierte die Kontinuität der Hohenzollern-Dynastie in einer Zeit des Umbruchs und drückte die Loyalität zur Monarchie aus. Besonders die kurze, hoffnungsvolle Regierung Friedrichs III., die liberal-reformerische Erwartungen geweckt hatte, und der anschließende Beginn der wilhelminischen Ära machten 1888 zu einem Wendepunkt in der deutschen Geschichte.
Reservistenflaschen waren ein fester Bestandteil der militärischen Abschieds- und Erinnerungskultur im Deutschen Kaiserreich. Nach Ableistung der in der Regel dreijährigen aktiven Dienstzeit wurden Soldaten in die Reserve entlassen, blieben aber bis zum 39. Lebensjahr militärisch verpflichtet. Der Abschied vom aktiven Dienst wurde häufig mit dem Erwerb oder der Anfertigung solcher personalisierten Andenken begangen.
Die typische Konstruktion bestand aus einer Glasflasche, die mit einem Ledermantel ummantelt wurde. Der Ledermantel bot nicht nur Schutz, sondern diente vor allem als Träger für dekorative Elemente. Aufwendig gearbeitete Verzierungen aus geprägtem oder aufgelegtem Leder zeigten Regimentsnummern, Herrscherporträts, militärische Symbole, Garnisonsbezeichnungen und häufig persönliche Daten des Soldaten. Der Zinkdeckel mit Kordelaufhängung ermöglichte das Tragen der Flasche und komplettierte das funktionale Design.
Besonders berührend ist das herzförmige Fenster auf der Rückseite dieser Flasche, durch das ein Foto mit zwei Frauen sichtbar wird. Diese persönliche Komponente war charakteristisch für Reservistenflaschen und verwandelte sie von reinen militärischen Devotionalien in intime Erinnerungsstücke. Die fotografierten Personen waren häufig Mütter, Schwestern, Ehefrauen oder Verlobte – jene Menschen, die dem Soldaten während seiner Dienstzeit emotional verbunden blieben und deren Andenken er bei sich tragen wollte.
Die Herstellung solcher Flaschen war oft Handwerksarbeit spezialisierter Betriebe in Garnisonstädten. Zivilfirmen spezialisierten sich auf militärische Andenken und boten ein breites Sortiment an Reservistenkrügen, -flaschen, -pfeifen und anderen Erinnerungsstücken an. Die Qualität reichte von einfachen seriengefertigten Exemplaren bis zu aufwendigen Einzelanfertigungen.
Der kulturhistorische Wert solcher Objekte liegt in ihrer Funktion als Schnittstelle zwischen dem militärischen und dem zivilen Leben. Sie dokumentieren die tiefe Durchdringung der Gesellschaft des Kaiserreichs mit militärischen Werten und Symbolen. Die “Militarisierung” der deutschen Gesellschaft manifestierte sich nicht nur in politischen und institutionellen Strukturen, sondern auch in solchen Alltagsgegenständen, die militärische Dienstzeit und monarchische Loyalität verherrlichten.
Für das 3. Unter-Elsässische Infanterie-Regiment Nr. 138 und seine Soldaten hatte die Stationierung im Elsass besondere Bedeutung. Das Reichsland Elsass-Lothringen blieb bis 1918 ein politisch sensibles Gebiet, in dem die deutsche Herrschaft nie vollständig akzeptiert wurde. Die dort stationierten Regimenter hatten nicht nur militärische, sondern auch repräsentative und integrative Aufgaben. Die Soldaten stammten teilweise aus dem Elsass selbst, viele jedoch aus anderen Teilen des Deutschen Reiches, was zur allmählichen Germanisierung der Region beitragen sollte.
Heute sind Reservistenflaschen aus der frühen Aufstellungszeit von Regimentern besonders gesuchte Sammlerstücke, da sie in geringerer Stückzahl existieren als spätere Exemplare. Objekte aus dem Dreikaiserjahr 1888 besitzen zusätzlichen historischen Wert als Zeitzeugen eines dramatischen Wendepunkts der deutschen Geschichte. Sie ermöglichen uns Einblicke in die Mentalität, die Loyalitäten und die persönlichen Lebensumstände einfacher Soldaten im Deutschen Kaiserreich.