Dieses außergewöhnliche Objekt gehört zu den seltensten und symbolträchtigsten Relikten des Dritten Reiches: der persönliche Autostander (Fahrzeugstandarte) von Hermann Göring in seiner Eigenschaft als Generalfeldmarschall und Oberbefehlshaber der Luftwaffe. Ein solches Stück verkörpert nicht nur höchste handwerkliche Kunstfertigkeit, sondern auch die Machtkonzentration und den persönlichen Herrschaftsanspruch eines der einflussreichsten Männer des nationalsozialistischen Deutschlands.
Historischer Hintergrund: Die Blomberg-Fritsch-Affäre und Görings Aufstieg
Der Hintergrund für die Entstehung dieser Standarte liegt in den dramatischen Ereignissen der sogenannten Blomberg-Fritsch-Affäre im Februar 1938. Als Kriegsminister Werner von Blomberg und Heeresbefehlshaber Werner von Fritsch durch Skandale aus ihren Ämtern gedrängt wurden, nutzte Adolf Hitler die Krise, um sich selbst zum Obersten Befehlshaber der Wehrmacht zu ernennen und die Führungsstruktur der drei Teilstreitkräfte grundlegend umzugestalten. Göring hatte sich um den Posten des Kriegsministers beworben, wurde jedoch abgewiesen. Stattdessen wurde er am 4. Februar 1938 zum Generalfeldmarschall befördert – dem höchsten militärischen Rang, den die Wehrmacht zu diesem Zeitpunkt zu vergeben hatte.
Diese Beförderung war sowohl eine Auszeichnung als auch ein geschicktes politisches Manöver Hitlers, um Göring zu beschwichtigen und gleichzeitig seine eigene Macht über das Militär zu festigen. Göring bekleidete bereits seit März 1935 den Posten des Oberbefehlshabers der Luftwaffe und war somit einer der mächtigsten Männer im nationalsozialistischen Machtgefüge.
Funktion und Verwendung des Autostanders
Persönliche Standarten dienten im militärischen Zeremoniell als sichtbares Zeichen der Anwesenheit ihres Inhabers. Sie wurden von einem Standartenträger bei allen öffentlichen Anlässen mitgeführt und an offiziellen Fahrzeugen befestigt, um die Präsenz des Befehlshabers zu kennzeichnen. Als quadratischer Fahrzeugwimpel mit den Maßen von circa 31 x 31 cm war der Autostander kompakt genug für die Montage am Fahrzeug, jedoch prächtig genug, um dem Rang und der Stellung seines Inhabers gerecht zu werden.
Gestaltung und Handwerkskunst
Das Stück ist ein außergewöhnliches Zeugnis der Textilkunst jener Epoche. Auf einem Grundstoff aus roter Seide wurde beidseitig in feinster Handstickerei mit einer Mischung aus Bouillon-, Aluminium-, Brokat- und Garnfäden gearbeitet. Die Vorderseite zeigt den großen Luftwaffe-Adler in Gold vor einem silbernen Lorbeerkranz, darunter die gekreuzten Generalfeldmarschall-Stäbe und der Pour le Mérite. In den vier Ecken befinden sich jeweils goldene stehende Hakenkreuze. Die goldene Umrandung ist mit eingewebten Hakenkreuzen versehen. Die Rückseite zeigt einen großen Lorbeerkranz mit goldenem Hakenkreuz im Zentrum sowie den Luftwaffe-Adler in Gold in den vier Ecken. Der innere Metallrahmen ist noch vollständig eingenäht vorhanden; lediglich die Zelluloid-Schutzhülle fehlt.
Der Pour le Mérite – Ein Verweis auf den Ersten Weltkrieg
Von besonderer Bedeutung ist die Darstellung des Pour le Mérite auf der Vorderseite des Autostanders. Diese höchste preußische Tapferkeitsauszeichnung hatte Göring im Mai 1918 als Jagdflieger-Ass im Ersten Weltkrieg erhalten. Die prominente Einbindung dieses Ordens in die persönliche Standarte unterstreicht Görings Selbstverständnis als kriegserprobter Soldat und Held, eine Identität, die er zeitlebens kultivierte und politisch instrumentalisierte.
Verwendungszeitraum und Ablösung
Dieses Modell der persönlichen Standarte wurde von Göring ab seiner Beförderung zum Generalfeldmarschall am 4. Februar 1938 bis zu seiner Ernennung zum Reichsmarschall am 19. Juli 1940 geführt. Letztere Beförderung erfolgte nach dem deutschen Sieg im Feldzug gegen Frankreich, als Hitler den eigens geschaffenen Rang des Reichsmarschalls verlieh. Mit dieser Rangerhöhung wurde die rote Standarte durch ein neues Modell auf hellblauem Feld ersetzt, das einen goldenen deutschen Adler zeigte, der einen Kranz umfasste, darüber zwei gekreuzte Stäbe mit einem überlagerten Hakenkreuz.
Görings Ende und das Schicksal nationalsozialistischer Symbole
Die Geschichte Hermann Görings endete in Schande und Tod. Am 22. April 1945 enthob Hitler Göring aller seiner Ämter, schloss ihn aus der Partei aus und ordnete seine Verhaftung an. Vor dem Internationalen Militärtribunal in Nürnberg wurde Göring zum Tode durch den Strang verurteilt. Er entzog sich der Vollstreckung durch Einnahme von Gift am 15. Oktober 1946.
Nationalsozialistische Symbole, einschließlich solcher Standarten, wurden durch den Alliierten Kontrollrat am 20. September 1945 abgeschafft. Besitz und Zurschaustellung sind seither in mehreren Ländern gesetzlich verboten.
Für Sammler und Historiker stellt ein solches Objekt ein Dokument ersten Ranges dar – ein materielles Zeugnis der Machtinszenierung und des persönlichen Herrschaftsanspruchs in einem der dunkelsten Kapitel der europäischen Geschichte.