Der Museumsführer des Sternecker-Museums der NSDAP stellt ein bedeutendes Dokument der nationalsozialistischen Selbstinszenierung und Geschichtspropaganda dar. Dieses kleine Heft, verfasst von Rudolf Schüßler, diente als offizieller Führer durch das im November 1933 von Adolf Hitler persönlich eröffnete Parteimuseum im Sterneckerbräu in München.
Das Sterneckerbräu in der Tal-Straße 54 in München nahm eine zentrale Rolle in der Frühgeschichte der nationalsozialistischen Bewegung ein. In dieser Gastwirtschaft fand ab 1919 die wöchentlichen Zusammenkünfte der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) statt, die am 5. Januar 1919 von dem Eisenbahnschlosser Anton Drexler gegründet worden war. Das sogenannte Leiberzimmer, benannt nach den ehemaligen Angehörigen des aufgelösten Königlich Bayerischen Infanterie-Leib-Regiments, wurde zum historischen Schauplatz von Adolf Hitlers erstem Kontakt mit der Partei.
Im September 1919 besuchte Hitler, damals noch als Verbindungsmann des Aufklärungskommandos der Reichswehr tätig, eine Versammlung im Leiberzimmer, bei der Gottfried Feder, Mitglied der antisemitischen Thule-Gesellschaft, über die Brechung der Zinsknechtschaft referierte. Wenige Tage später, am 12. September 1919, trat Hitler als siebtes Mitglied des Arbeitsausschusses der DAP bei und erhielt die Mitgliedsnummer 555. Im Oktober 1919 richtete die Partei in einem Nebenraum des Sterneckerbräu ihre erste Geschäftsstelle ein. Diese primitive Büroeinrichtung bestand aus einem alten Schreibtisch, einigen Stühlen und einem Wandschrank.
Die rapid wachsende Mitgliederzahl der inzwischen in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) umbenannten Organisation zwang im Herbst 1921 zum Umzug der Geschäftsstelle in das Gasthaus Cornelius in der Corneliusstraße 12. Dennoch behielt das Sterneckerbräu seinen symbolischen Wert als “Geburtsstätte” der Bewegung.
Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 begann eine systematische Sakralisierung der frühen Parteigeschichte. Das Regime schuf eine Vielzahl von Gedenkstätten, Museen und Kultstätten, die die nationalsozialistische Bewegung historisch legitimieren und mythologisieren sollten. In diesem Kontext eröffnete Hitler am 9. November 1933, dem zehnten Jahrestag des gescheiterten Hitler-Putsches, das Sternecker-Museum als erstes offizielles Parteimuseum der NSDAP.
Das Museum präsentierte eine sorgfältig kuratierte Darstellung der Parteigeschichte, die historische Fakten mit propagandistischer Überhöhung verband. Ausgestellt wurden Dokumente, Fotografien, persönliche Gegenstände der “alten Kämpfer” und Erinnerungsstücke aus der Frühzeit der Bewegung. Die Räumlichkeiten wurden als quasi-religiöse Pilgerstätte inszeniert, an der Parteimitglieder, HJ-Gruppen und ausländische Besucher die “heroische” Anfangsphase der nationalsozialistischen Bewegung erleben sollten.
Der Museumsführer von Rudolf Schüßler erfüllte eine wichtige Funktion in diesem propagandistischen Konzept. Als offizielles Begleitdokument führte das kleine Heft die Besucher durch die Ausstellung und lieferte die gewünschte Interpretation der ausgestellten Objekte. Mit seinen 16 Seiten, Stempeln und Fotografien im Format 12x18 cm war es praktisch gestaltet und konnte als Souvenir mit nach Hause genommen werden. Solche Museumsführer waren typische Instrumente nationalsozialistischer Geschichtspolitik, die eine verbindliche “Lesart” der Vergangenheit etablieren sollten.
Das Sternecker-Museum war Teil eines umfassenden Systems von NS-Gedenkstätten in München, darunter der Königliche Platz mit den Ehrentempeln für die Gefallenen des Putsches von 1923, das Braune Haus als Parteizentrale und später der Führerbau. München wurde als “Hauptstadt der Bewegung” zum zentralen Erinnerungsort des Nationalsozialismus stilisiert.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude des Sterneckerbräu stark beschädigt und später abgerissen. Die Erinnerung an die Rolle des Ortes in der Geschichte des Nationalsozialismus blieb jedoch kontrovers. Heute steht an der Stelle ein modernes Gebäude, und eine kleine Gedenktafel erinnert an die historischen Ereignisse.
Museumsführer wie dieser sind heute wichtige Quellen für die Erforschung nationalsozialistischer Propaganda und Selbstdarstellung. Sie dokumentieren, wie das NS-Regime seine eigene Geschichte konstruierte und instrumentalisierte. Für Historiker und Sammler militärhistorischer Dokumente bieten solche Objekte Einblicke in die Mechanismen totalitärer Geschichtspolitik und die Sakralisierung politischer Bewegungen.