Stadtwehr Bremen - Stadtwehrnadel
Die Stadtwehrnadel der Stadtwehr Bremen stellt ein faszinierendes Zeugnis einer turbulenten Periode der deutschen Geschichte dar. Dieses kleine Abzeichen mit seinen Maßen von etwa 26 x 21 mm in ovaler Form verkörpert die Bemühungen der bremischen Bürgerschaft, in den chaotischen Monaten nach dem Ersten Weltkrieg für Ordnung und Stabilität zu sorgen.
Die Stadtwehr Bremen wurde am 5. Februar 1919 von der provisorischen Regierung der Freien Hansestadt Bremen als bewaffnete Freiwilligeneinheit gegründet. Ihre Entstehung erfolgte als unmittelbare Reaktion auf die revolutionären Ereignisse in Deutschland und insbesondere zur Unterstützung der neuen Regierung nach dem Sturz der Bremer Räterepublik am 4. Februar 1919. Die Truppe nahm am 13. Februar 1919 ihre Tätigkeit auf und unterstand direkt der provisorischen Regierung und später dem Bremer Senat, wobei sie mit der Polizei zusammenarbeitete, um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten.
Die Mitglieder der Stadtwehr, die hauptsächlich aus bürgerlichen Kreisen stammten, führten tägliche Patrouillen durch, kontrollierten Demonstrationen und unterdrückten Streiks. Sie bildeten einen strategischen Ring um die Bremer Innenstadt, während militärische Regierungsschutztruppen das Stadtzentrum besetzten. Im Januar 1920 verfügte die Stadtwehr über etwa 5.000 aktive Mitglieder. Während der zwei Jahre ihres Bestehens von 1919 bis 1921 meldeten sich insgesamt etwa 11.000 Männer freiwillig.
Im Frühjahr 1919 schuf die Führung der Stadtwehr Bremen die Stadtwehrnadel als Mitgliedsabzeichen für alle Angehörigen. Das Abzeichen wurde von der Bremer Firma Gamper hergestellt, deren Herstellermarkierung zusammen mit der Mitgliedsnummer auf der Rückseite angebracht war. Die rückseitigen Nummern werden als Mitgliedsnummern interpretiert. Anhand überlieferten Materials lässt sich belegen, dass die Nummerierung mindestens bis in den Bereich der 3000er reichte, wobei Beispiele mit den Nummern 1177, 2542, 2701 und 3229 in Auktionsverzeichnissen dokumentiert sind.
Neben der standardmäßigen Mitgliedsnadel existierte eine zweite Klasse: die Goldene Stadtwehrnadel. Diese vergoldete Variante wurde zu einem unbekannten späteren Zeitpunkt für besonders verdienstvolle Mitglieder geschaffen, die 50 aufeinanderfolgende Wachdienste ohne Unterbrechung absolviert hatten. Die Anzahl der verliehenen goldenen Abzeichen ist unbekannt. Die Mitglieder trugen zur Kennzeichnung neben dem Abzeichen auch einen Ringkragen um den Hals, der das Bremer Stadtwappen und die Mitgliedsnummer trug.
Die Einführung des Mitgliedsabzeichens in Bremen hatte weitreichende Auswirkungen und beeinflusste die preußischen Einwohnerwehren zur Schaffung eines eigenen einheitlichen Mitgliedsabzeichens, des Falkenknopfs. Die Bremer Stadtwehr war eine von vielen Einwohnerwehren, die 1919 in ganz Deutschland gegründet wurden, und bestand länger als die meisten anderen – nur die bayerischen Bürgerwehren existierten einige Monate länger.
Die Organisation war jedoch höchst umstritten und aufgrund ihrer fehlenden demokratischen Legitimation Gegenstand kontinuierlicher politischer Debatten. Nach anhaltenden Auseinandersetzungen zwischen Bürgerschaft und Senat wurde die Stadtwehr am 28. Februar 1921 offiziell aufgelöst. Ihre Tradition lebte jedoch im Verein Stadtwehr e.V. Bremen fort. Bis Juni 1921 war dieser Verein der Orgesch (Organisation Escherich), einer rechtsgerichteten paramilitärischen Organisation, angeschlossen. Die Archivunterlagen der Stadtwehr aus den Jahren 1919 bis 1933 werden im Staatsarchiv Bremen aufbewahrt.
Das hier beschriebene Exemplar mit der Matrikelnummer 1177 repräsentiert ein frühes Mitglied dieser kurzlebigen, aber historisch bedeutsamen Bürgerwehr. Mit seiner Herstellermarkierung Gamper Bremen auf der Rückseite dokumentiert es die lokale Produktion dieser Abzeichen und bietet einen greifbaren Bezug zu einem Mitglied jener Truppe, die in der bewegten Übergangszeit von der Monarchie zur Weimarer Republik eine kontroverse Rolle spielte.