BDM Gebietsdreieck "Ost Wartheland"
Das BDM-Gebietsdreieck "Ost Wartheland" stellt ein äußerst seltenes Zeugnis der nationalsozialistischen Jugendorganisation während der deutschen Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg dar. Dieses textile Abzeichen gehörte zur Uniform des Bundes Deutscher Mädel (BDM), der weiblichen Jugendorganisation der NSDAP, die 1930 gegründet wurde und ab 1936 die einzige staatlich anerkannte Mädchenorganisation im Deutschen Reich war.
Der Reichsgau Wartheland wurde nach dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 als Verwaltungseinheit des annektierten polnischen Territoriums geschaffen. Das Gebiet umfasste große Teile der früheren polnischen Woiwodschaft Posen sowie Teile von Łódź und wurde am 26. Oktober 1939 offiziell dem Deutschen Reich einverleibt. Die Hauptstadt des Warthegaus war Posen (Poznań). Diese Region stellte einen der vier neu geschaffenen Reichsgaue in den besetzten polnischen Gebieten dar und wurde einer brutalen Germanisierungspolitik unterworfen.
Die Gebietsdreiecke dienten im BDM als regionale Kennzeichnung und wurden auf der linken Brustseite der Uniform getragen. Sie waren dreieckig geformt und zeigten typischerweise die Bezeichnung des jeweiligen Gebiets, zu dem die Trägerin gehörte. Das System der Gebietsdreiecke wurde eingeführt, um die verschiedenen regionalen Gliederungen des BDM sichtbar zu machen und die organisatorische Struktur auch äußerlich erkennbar zu gestalten.
Die Organisationsstruktur des BDM im Wartheland war Teil der Bestrebungen, die deutsche Bevölkerung in den besetzten Gebieten zu organisieren und die nationalsozialistische Ideologie auch unter den dort lebenden oder angesiedelten deutschen Mädchen und jungen Frauen zu verbreiten. Nach der Besatzung wurden zahlreiche Volksdeutsche sowie Umsiedler aus anderen Gebieten im Wartheland angesiedelt, im Rahmen der sogenannten "Heim ins Reich"-Politik. Die polnische Bevölkerung wurde systematisch vertrieben, enteignet oder ermordet.
Der BDM war für Mädchen im Alter von 10 bis 18 Jahren vorgesehen, wobei die jüngeren Mädchen (10-14 Jahre) als Jungmädel bezeichnet wurden. Die Organisation umfasste 1939 etwa 3,5 Millionen Mitglieder im gesamten Reich. Mit dem Gesetz über die Hitlerjugend vom Dezember 1936 wurde die Mitgliedschaft faktisch verpflichtend. Die Aktivitäten umfassten sportliche Betätigung, ideologische Schulung, Gesundheitserziehung und die Vorbereitung auf die Rolle als Mutter im nationalsozialistischen Staat.
Die extreme Seltenheit des Gebiets-Dreiecks "Ost Wartheland" erklärt sich aus mehreren Faktoren: Erstens existierte der Reichsgau Wartheland nur von 1939 bis 1945, also lediglich etwa fünf Jahre. Zweitens war die Zahl der deutschen Mädchen in diesem besetzten Gebiet im Vergleich zum Altreich deutlich geringer. Drittens führte das Kriegsende zur schnellen Auflösung aller NS-Organisationen und zur Flucht der deutschen Bevölkerung aus den Ostgebieten, wobei solche Uniformteile meist vernichtet oder zurückgelassen wurden.
Die Herstellung der Gebietsdreiecke erfolgte in der Regel aus Stoff, häufig in den typischen BDM-Farben oder mit kontrastierender Beschriftung. Sie wurden auf die Uniform aufgenäht und waren somit fester Bestandteil der Dienstkleidung. Ein getragenes Stück wie das hier beschriebene zeigt entsprechende Gebrauchsspuren, was seine Authentizität als tatsächlich verwendetes Uniformteil unterstreicht.
Nach der Befreiung des Warthegaus durch sowjetische Truppen Anfang 1945 wurde das Gebiet wieder Teil Polens. Die deutsche Bevölkerung floh oder wurde vertrieben. Alle nationalsozialistischen Organisationen, einschließlich des BDM, wurden aufgelöst. Das Sammeln und Bewahren solcher historischen Objekte dient heute ausschließlich der wissenschaftlichen Dokumentation und der Aufarbeitung dieser dunklen Epoche deutscher Geschichte.
Objekte wie dieses Gebietsdreieck sind wichtige materielle Zeugnisse für die Organisation und Durchdringung der Gesellschaft durch das NS-Regime, auch in den besetzten Gebieten. Sie dokumentieren die systematische Erfassung und Indoktrinierung der Jugend sowie die Germanisierungspolitik in den annektierten polnischen Territorien. Aus historischer Perspektive ermöglichen solche Artefakte ein besseres Verständnis der Strukturen und der Alltagsrealität des Nationalsozialismus.