Das vorliegende Prachtwerk stellt ein herausragendes Beispiel für die diplomatische Geschenkkultur des faschistischen Italiens in der Zeit unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg dar. Im Jahr XVI des faschistischen Imperiums (1938 nach der faschistischen Zeitrechnung, die ab der Machtübernahme Mussolinis 1922 begann) überreichte der italienische Minister für Volkskultur Alessandro Pavolini dieses aufwendig gestaltete Buch an Mitglieder einer deutschen Delegation.
Alessandro Pavolini (1903-1945) war eine zentrale Figur des italienischen Faschismus. Er diente von 1936 bis 1939 als Minister für Volkskultur (Ministero della Cultura Popolare, kurz MinCulPop) und war verantwortlich für Propaganda, Zensur und die kulturelle Gleichschaltung Italiens. In dieser Funktion orchestrierte er die Darstellung Italiens gegenüber ausländischen Besuchern und spielte eine wichtige Rolle bei der Pflege der deutsch-italienischen Beziehungen.
Das Jahr 1938 markiert einen Höhepunkt in den Beziehungen zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und dem faschistischen Italien. Nach der Bildung der Achse Berlin-Rom im Oktober 1936 und dem Stahlpakt (Patto d'Acciaio), der 1939 folgen sollte, intensivierten beide Regime ihre diplomatischen und kulturellen Kontakte. Der Staatsbesuch Adolf Hitlers in Italien im Mai 1938 stellte den Höhepunkt dieser Annäherung dar und wurde von Italien mit enormem propagandistischem Aufwand inszeniert.
Die Ente Nazionale Industrie Turistiche (ENIT), die als Herausgeber fungierte, war die staatliche italienische Tourismusorganisation, die 1919 gegründet wurde. Unter dem Faschismus wurde sie zu einem Instrument der Propaganda umfunktioniert, das Italien als Erben des römischen Imperiums und als moderne Kulturnation präsentieren sollte.
Die kunstvolle Gestaltung des Bandes spiegelt die faschistische Ästhetik wider, die antike römische Elemente mit moderner Monumentalität verband. Der Ledereinband mit Kupferbeschlägen und Eisennieten evoziert mittelalterliche Handschriften und unterstreicht die angestrebte Verbindung zwischen historischer Größe und faschistischer Gegenwart. Die Verwendung von Pergament-Doppelseiten, Kupferstichen und Farbdrucken auf Silberpapier demonstriert den außergewöhnlichen materiellen und künstlerischen Aufwand.
Die dargestellten Städte – Bolzano (Bozen), Trento (Trient), Venezia (Venedig), Torino (Turin), Bologna und Napoli (Neapel) – wurden sorgfältig ausgewählt, um verschiedene Aspekte der italienischen Geschichte und Kultur zu präsentieren. Besonders bemerkenswert ist die Erwähnung von Bolzano und Trento, die nach dem Ersten Weltkrieg von Österreich an Italien fielen und im Zuge der faschistischen Italianisierungspolitik standen. Ihre Präsentation in diesem Geschenkband an deutsche Delegierte hatte zweifellos auch eine politische Dimension.
Die religiösen Kunstwerke der florentinischen Schule und anderer italienischer Meister unterstreichen Italiens Rolle als Wiege der Renaissance und Zentrum der katholischen Kunst. Dies war Teil der faschistischen Strategie, sich als legitime Erben sowohl des römischen Imperiums als auch der italienischen Kulturrenaissance darzustellen.
Solche Prachtbände wurden nicht für den allgemeinen Gebrauch produziert, sondern ausschließlich als diplomatische Geschenke für hochrangige ausländische Besucher. Sie dienten mehreren Zwecken: Sie demonstrierten italienisches Kunsthandwerk und kulturelle Überlegenheit, sie schufen eine persönliche Bindung zwischen dem Geber und dem Empfänger, und sie fungierten als subtile Propagandainstrumente, die ein idealisiertes Bild Italiens vermittelten.
Die Aufbewahrung in einer stoffbezogenen Hartkartonschatulle betont den wertvollen Charakter des Objekts und sollte dessen Erhaltung über Generationen hinweg sicherstellen. Solche Präsentationen waren typisch für die faschistische Geschenkkultur, die materielle Pracht mit symbolischer Bedeutung verband.
Heute stellen solche Objekte wichtige historische Quellen dar, die Einblick in die diplomatischen Praktiken, die Propaganda-Methoden und die kulturellen Selbstdarstellungen totalitärer Regime der Zwischenkriegszeit geben. Sie dokumentieren die Bemühungen faschistischer Staaten, durch kulturelle Diplomatie internationale Legitimität zu erlangen und ideologische Bündnisse zu festigen.
Das vorliegende Werk ist ein Zeugnis einer Epoche, in der Kulturpolitik und Diplomatie eng miteinander verwoben waren und in der kunsthandwerkliche Exzellenz in den Dienst politischer Ziele gestellt wurde. Es erinnert an die intensiven, letztlich verhängnisvollen Beziehungen zwischen den beiden faschistischen Mächten, die Europa in den Zweiten Weltkrieg führen sollten.